Denk ich an Deutschland in der Nacht

Berlinale 2017 – Romuald Karmakars neuer Film über elektronische Musik, Techno und Clubkultur

Der Berliner Filmemacher Romuald Karmakar beschäftigt sich in seinen Arbeiten schon länger mit elektronischer Musik. Sein neuer Film „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ ist bereits sein vierter Film zum Thema.

Im Mittelpunkt stehen dabei fünf Musiker und DJs. Ricardo Villalobos aus Berlin, Sonja Moonear aus Genf, Roman Flügel aus Darmstadt, David Moufang, besser bekannt als Move D, aus Heidelberg, sowie Ata aus Frankfurt.

Karmakar ist vor allem durch seine Dokumentarfilme zu Politik und Geschichte bekannt geworden, wie „Warheads“ (1992) oder „Das Himmler-Projekt“ (2000). Daneben hat er auch einige Spielfilme inszeniert, von denen „Der Totmacher“ (1995) mit Götz George in der Hauptrolle der bekannteste ist.

In „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ zeigt Karmakar die Protagonisten bei ihrer Arbeit: Im Studio, mit anderen Musikern bei der Probe und natürlich in der DJ-Kabine, der Kanzel des Nachtclubs. Dabei enthält er sich selbst jedes Kommentars, nur die Musiker selbst kommen zu Wort. Auch wenn der Titel nach dem berühmten Zitat von Heinrich Heine („Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“) vermuten lässt, dass es ein politischer Film ist, spielt Politik nur am rand eien Rolle. etwa wenn Roman Flügel über seine Arbeit im Club direkt nach den Terroranschlägen in Paris 2015 spricht.

Aber die Themen Gemeinschaft, die Community der Nacht, die sich auf der Tanzfläche gern um den Schlaf bringen lässt und der DJ der mit seinen Beats die Unterschiede zwischen arm und reich, Herkunft und Geschlecht verwischt, ist letztlich auch politisch. Insbesondere wirtschaftspolitisch: das Auflegen als gefeierter Star am Wochenende ist der Broterwerb und das Geld, was die künstlerische Erfüllung der Musiker in weniger kommerziellen Gefilden wie Jazz, Ambient und experimenteller elektronischer Musik erst ermöglicht.

(Schnappschuss von der Premiere im Kino International am 12. Februar 2017 mit Roman Flügel, Move D, Ata, Ricardo Villalobos, Sonja Moonear, Romuald Karmakar)

Romuald Karmakar hat den Film mit nur einer Kamera gedreht und gemeinsam mit Kameramann Frank Griebe in langen Einstellungen das Umfeld der Technoarbeiter in Szene gesetzt. Der Blick vom DJ ins tanzende Publikum, die leeren Clubs bei Tageslicht, die Studios voller Kabel und klassischer analoger Synthesizer spiegeln deutlich die Alltäglichkeit der elektronischen Musiker wieder und ergeben gemeinsam mit den Interviews persönliche musikalische Biografien, wie auch in Ausschnitte der Entwicklungsgeschichte von elektronischer Musik, House und Techno von den 50er Jahren bis heute.

Griebe ist einer der meist ausgezeichneten Kameramänner aus Deutschland und hat zuvor im fiktionalen Bereich eng mit Regisseur Tom Tykwer zusammengearbeitet. Nach zwei Kurzfilmen mit Karmakar ist „Denk ich an Deutschland„ nun ihre erste gemeinsame lange Dokumentation. Ergänzt werden seine Bilder durch das außergewöhnliche Sounddesign. Auf Anregung von Ricardo Villalobos macht Karmakar oft nur den Vorhörkanal des DJ-Pults auf der Tonspur hörbar. So hören wir nicht was die Tänzer im Club beschallt, sondern die Vorarbeit des DJs, der seine Platten und Sounds per Kopfhörer vorhört, anpasst, einpegelt, mischt und erst dann schließlich abspielt.

Karmakar macht so die Arbeit des DJs sichtbar und hörbar und gibt seinen Gesprächspartnern dazu noch den Raum sich zwischen eigener Lebensphilosophie und politischer Wirklichkeit und zwischen Kunst und Kommerz zu positionieren.

„Denk ich an Deutschland in der Nacht“ lief bei der Berlinale 2017 in der Reihe Panorama Dokumente und startet dann am 11. Mai in den deutschen Kinos.

Abschrift eines Radiobeitrags, der im Februar 2017 bereits in der Radiosendung „Filmriss – das Berlinalemagazin“ lief , die jedes Jahr zur Berlinale täglich bei Kiel FM, Lübeck FM, Oldenburg Eins, Tide 96,0 in Hamburg, Stadtradio Göttingen und Westküste FM zu hören ist.

„DENK ICH AN DEUTSCHLAND IN DER NACHT ist der vierte Dokumentarfilm von Romuald Karmarkar über Techno und artverwandte Stile. 196BPM (2002) und BETWEEN THE DEVIL AND THE WIDE BLUE SEA  (2005)  konzentrierten  sich  vor  allem  auf  die  performativen  und  körperlichen  Aspekte  von
elektronischer  Musik,  VILLALOBOS  (2009)  auf  einen  Protagonisten  der  Szene. „

Zitat aus dem Presseheft zum Film vom Verleih Rapid Eye Movies.

Nachruf: Michael Cimino und Robin Hardy

2016 bleibt sich traurigerweise weiter treu. Mit Michael Cimino und Robin Hardy sind jetzt zwei große und eigenwillige Außenseiterregisseure des amerikanischen bzw. britischen Kinos gestorben. Hardy hat mit „The Wicker Man“ (1973) den vielleicht britischsten aller Horrorfilme der siebziger Jahre vorgelegt. Die Geschichte um heidnische Rituale auf der (erfundenen) schottischen Insel Summerisle mit Christopher Lee und Britt Ekland ist zwar nur einer von vier Filmen, die Hardy überhaupt drehte, aber seine Bilder sind heute fester Bestandteil unserer Popkultur. Das letzte RadioheadvideoBurn The Witch“ ist beispielsweise in weiten Teilen durch seinen Film inspiriert worden.

Michael Cimino begann als Drehbuchschreiber („Dirty Harry II – Calahan“, „Lautlos im Weltall“) bevor er 1974 mit „Die Letzten beißen die Hunde“ seinen ersten Film drehte (mit Clint Eastwood und Jeff Bridges). Es folgten mit „Die durch die Hölle gehen“ und „Heaven’s Gate“ zwei monumentale, aber nicht unumstrittene Meisterwerke, wovon ersteres mit fünf Oscars ausgezeichnet wurde, während das „Tor zum Himmel“ als kommerzieller totalen Megaflop für die Studiopleite von United Artists sorgte und somit beide Filme auch hinter den Kulissen Stoff für Legenden lieferten. „The Deer Hunter“ habe ich zuletzt 2001 zum 50. Berlinalejubiläum auf der riesigen Leinwand des Berlinalepalasts bewundern dürfen. 2005 zeigte das Berlinale Forum dann eine vierstündige, restaurierte Fassung von „Heaven’s Gate“ plus die 90minütige Dokumentation „Final Cut“ des ehemaligen United Artists-Vizepräsidenten Michael Bach. Mit der dazugehörigen Podiumsdiskussion im Kinosaal dauerte diese Marathonveranstaltung über sechs Stunden. Streitbares und außergewöhnliche Erzählkino, das in dieser Form im heutigen Zeitalter der ewig gleichen und in Serie produzierten Blockbuster und Comicverfilmungen leider kaum noch möglich ist. Schaut euch „The Deer Hunter“ und „The Wicker Man“ an und staunt.