{"id":1930,"date":"2021-03-07T10:26:02","date_gmt":"2021-03-07T09:26:02","guid":{"rendered":"https:\/\/soundundvision.org\/?p=1930"},"modified":"2021-03-07T11:48:01","modified_gmt":"2021-03-07T10:48:01","slug":"censor-panorama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/soundundvision.org\/?p=1930","title":{"rendered":"Censor &#8211; Berlinale Panorama"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: large;\"><em>(Foto: \u00a9 Silver Salt Films)<\/em><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">England im Jahr 1985: Die Diskussion um sch\u00e4dliche Einfl\u00fcsse durch Horrorfilme auf die Gesellschaft \u2013 insbesondere auf Kinder und Jugendliche \u2013 ist in vollem Gange. Ma\u00dfgeblich angefacht seitens konservativer Politiker:innen sowie den Boulevardzeitungen, wird so versucht, die als \u201eVideo Nasties\u201c titulierte Genreware als mitverantwortlich f\u00fcr alles \u00dcbel in der Welt darzustellen. Enid, eine Filmzensorin arbeitet f\u00fcr die staatliche Filmbewertungsstelle. Genau und penibel schaut und bewertet sie jeden Tag brutale Videofilme und empfiehlt K\u00fcrzungen oder Verbote f\u00fcr den englischen Videomarkt.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-1930-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Censor-Panorama-Berlinale-2021-05.03.2021.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Censor-Panorama-Berlinale-2021-05.03.2021.mp3\">https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Censor-Panorama-Berlinale-2021-05.03.2021.mp3<\/a><\/audio>\n<p><em>(Radiobeitrag f\u00fcr Filmriss \u2013 Das Berlinalemagazin)<\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Bei einem Treffen mit ihren Eltern wird ihr eigenes Trauma deutlich: Als Kind spielte sie mit ihre Schwester im Wald, als diese pl\u00f6tzlich verschwand. Eines Tages glaubt sie ihre eigene Geschichte in einem Horrorfilm wiederzuerkennen, und beginnt obsessiv in heruntergekommenen Videotheken und bei zwielichten Filmproduzenten nach weiterem Material zu suchen. Zunehmend beginnt die filmische Fiktion mit Enids Realit\u00e4t ineinander zu greifen und ein irreales Bild zu zeichnen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #111111;\">\u201e<\/span><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Censor\u201c ist das Spielfilmdeb\u00fct der britischen Regisseurin\u00a0<\/span><\/span><\/span><a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm3846547\/?ref_=tt_ov_dr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"color: #22a8d8;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Prano Bailey-Bond<\/span><\/span><\/span><\/a><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">. Bereits in ihrem Kurzfilm\u00a0<\/span><\/span><\/span><a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm3846547\/?ref_=tt_ov_dr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"color: #22a8d8;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u201eNasty\u201c<\/span><\/span><\/span><\/a><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0 hatte sie sich mit den vornehmlich auf Video ver\u00f6ffentlichten Horrorfilmen aus den neunzehnhundertachtziger Jahren auseinandergesetzt. Bei der Recherche dazu traf sie auf echte Filmzensorinnen aus dieser Zeit. Eine davon war als Psychologin t\u00e4tig, die andere Schauspielerin. Aus diesen Gespr\u00e4chen formte sie die Elemente f\u00fcr ihre Hauptfigur Enid.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.berlinale.de\/de\/programm\/202105453.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"color: #22a8d8;\">\u201e<\/span><\/a><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Censor\u201c zeigt politische und soziale Implikationen; unter anderem festgemacht an einem bis heute nachwirkenden Neoliberalismus durch Law-And-Order-Politiker:innen wie Margaret Thatcher und Ronald Reagan und den von ihnen vorangetriebenen K\u00fcrzungen von Sozialleistungen sowie der Privatisierung von Staatsbetrieben. Auch die so genannte geistig-moralische Wende der \u00c4ra Helmut Kohls ging in Deutschland Hand in Hand mit dem Streit um Horrorvideos im Kinderzimmer. Der Schutz der Jugend war ein nur zu gern genommener Vorwand, um erwachsene Filmfans zu bevormunden und die Kunstfreiheit einzuschr\u00e4nken, anstatt durch Investitionen in Soziales wirkliche Ver\u00e4nderungen zu initiieren.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Aus der R\u00fcckschau erreichte diese Zensur allerdings das genaue Gegenteil. Lange Jahre florierte ein europaweiter Undergroundvertrieb von Bootleg-Videokassetten aus Holland oder den USA. Der Reiz des Verbotenen machte viele Filme erst so richtig bekannt und f\u00fchrte zu einem andauernden Kult um den Horrorfilm der sp\u00e4ten neunzehnhundertsiebziger und fr\u00fchen -achtziger Jahre.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Als Sujet f\u00fcr Meta-Horrorfilme ist das alles nicht ganz so neu, wie beispielsweise Peter Stricklands 2012 gedreht Giallo-Hommage \u201eBerberian Sound Studio\u201c oder die 2014 von Adam Brooks und Matthew Kennedy in Kanada gedrehte schwarze Kom\u00f6die \u201eThe Editor\u201c beweisen. \u201eCensor\u201c sprudelt geradezu \u00fcber vor Zitaten, Anspielungen und Referenzen. Abel Ferraras \u201eDriller Killer\u201c ist gleich zu Beginn zu sehen. Einige Sequenzen des Films wirken wie Kopien von Sam Raimis ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigtem \u201eTanz der Teufel\u201c und die Farbdramaturgie mit den Prim\u00e4rfarben Rot und Blau erinnert an Dario Argentos Technicolor-Spektakel \u201cSuspiria\u201c, wie auch die Filmmusik der franz\u00f6sischen Komponisten\u00a0<\/span><\/span><\/span><a href=\"https:\/\/emilielf.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"color: #22a8d8;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Emilie Levienaise-Farrouch<\/span><\/span><\/span><\/a><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">\u00a0an Argentos Hauskomponisten Claudio Simonetti und dessen Band Goblin denken l\u00e4sst. Da verwundert es nicht weiter, dass einer der Koproduzenten des Films der britische Filmkritiker Kim Newman ist, der als Zeitzeuge dieses Genre seit vier Jahrzehnten begleitet.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">In der Hauptrolle brilliert die irische Schauspielerin\u00a0<\/span><\/span><\/span><a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm4862056\/?ref_=tt_ov_st_sm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"color: #22a8d8;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Niamh Algar<\/span><\/span><\/span><\/a><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">. Sie gewann im letzten Jahr den irischen Filmpreis f\u00fcr ihre Rolle in dem Krimi-Drama \u201eCalm With Horses\u201c und war zuletzt in der von Ridley Scott produzierten Science-Fiction-Serie \u201eRaised By Wolves\u201c zu sehen. \u00dcber weite Stercken tr\u00e4gt Algar den Film mit ihrer faszinierenden Wandlung von einer zwanghaften B\u00fcrokratin hin zur axtschwingenden Scream Queen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #111111;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Letztlich entscheidet sich Regisseurin Prano Bailey-Bond aber f\u00fcr das Genre und gegen das Drama. So wird die Filmzensorin selbst zur Darstellerin in einem Horrorfilm, dessen Twists und Wendungen teilweise zu den Klischees werden, die der Film am Anfang noch ironisch aufs Korn nimmt. \u201eCensor\u201c ist also eher eine liebevolle Hommage an die vergangene Bl\u00fctezeit der Slasher- und Zombiefilme \u2013 und weniger ein psychologisches Drama \u00fcber transgressive Kunst und gesellschaftspolitische Zust\u00e4nde. Und somit, wie viele gute Horrorfilme aus den achtziger Jahren, unterhaltsam, aber etwas flach.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">(Dieser Beitrag erschien zuerst als Radiobeitrag in der Sendung \u201eFilmriss \u2013 Das Berlinale-Magazin\u201c, einem gemeinsamem Projekt der norddeutschen B\u00fcrgersender Kiel FM, L\u00fcbeck FM, Westk\u00fcste FM, Tide Hamburg, Radio Leinewelle und Oldenburg Eins.) <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Foto: \u00a9 Silver Salt Films) England im Jahr 1985: Die Diskussion um sch\u00e4dliche Einfl\u00fcsse durch Horrorfilme auf die Gesellschaft \u2013 insbesondere auf Kinder und Jugendliche [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1928,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[157,222],"tags":[230,226],"class_list":["post-1930","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-berlinale","category-filmtexte","tag-berlinale-2021","tag-panorama"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1930","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1930"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1930\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1928"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1930"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1930"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1930"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}