{"id":3369,"date":"2025-03-25T08:27:55","date_gmt":"2025-03-25T07:27:55","guid":{"rendered":"https:\/\/soundundvision.org\/?p=3369"},"modified":"2025-03-27T11:44:09","modified_gmt":"2025-03-27T10:44:09","slug":"wild-schraeg-blutig-berlinale-retrospektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/soundundvision.org\/?p=3369","title":{"rendered":"Wild, schr\u00e4g, blutig \u2013 Berlinale Retrospektive"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: large;\">Die <a href=\"https:\/\/www.deutsche-kinemathek.de\/de\">Deutsche Kinemathek<\/a> pr\u00e4sentierte in diesem Jahr einen gro\u00dfen Teil der Retrospektive in ihren neuen R\u00e4umlichkeiten in Berliner E-Werk, einem ehemaligen Umspannwerk und sp\u00e4teren Technoclub, unweit des alten Standorts Potsdamer Platz.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Dort k\u00f6nnen jetzt erstmals Filmvorf\u00fchrungen innerhalb der Kinemathek angeboten werden \u2013 ein Vorteil, der vom filmhistorisch interessierten Teil des Berlinale-Publikums dankbar angenommen wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Inhaltlich kn\u00fcpfte die diesj\u00e4hrige Retro an die letztj\u00e4hrige Reihe \u201eDas andere Kino\u201c an, und pr\u00e4sentierte erneut Deutsches Kino der etwas anderen Art. In diesem Jahr waren Ausrichtung und Zeitrahmen jedoch etwas enger gefasst, und fokussierten sich auf das Genrekino der Siebziger Jahre.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Dar\u00fcber habe ich mit Annika Haupts, der Programmkoordinatorin Deutsche Kinemathek und Kuratorin der Retrospektive gesprochen.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Annika-Haupts-Kinemathek-180225.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3348\" src=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Annika-Haupts-Kinemathek-180225-300x226.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Annika-Haupts-Kinemathek-180225-300x226.jpg 300w, https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Annika-Haupts-Kinemathek-180225-768x578.jpg 768w, https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Annika-Haupts-Kinemathek-180225.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-3369-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Wild-schraeg-blutig-\u2013-Annika-Haupts_web.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Wild-schraeg-blutig-\u2013-Annika-Haupts_web.mp3\">https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Wild-schraeg-blutig-\u2013-Annika-Haupts_web.mp3<\/a><\/audio>\n<p><em>(Radiointerview mit Annika Haupts vom 18. Februar 2025 &#8211; erstmals in der langen Fassung)<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Die <a href=\"https:\/\/www.deutsche-kinemathek.de\/de\/besuch\/festivals-symposien\/wild-schraeg-blutig-deutsche-genrefilme-der-70er\">Eigenbeschreibung<\/a> der Kinemathek \u201eKultiges aus Ost- und Westdeutschland: Zur Retrospektive der Berlinale 2025 zeigen wir das grelle Genre-Kino der 1970er-Jahre.\u201c gibt die Richtung vor. Es geht um Produktionen im Niemandsland zwischen Bahnhofskino und neuem deutschen Autorenfilm. Zu blutig f\u00fcr den Kanon und zu abgefahren f\u00fcr den Massengeschmack. Was fr\u00fcher ein kommerzielles Todesurteil war, kann aus der R\u00fcckschau pl\u00f6tzlich cool und modern wirken. Ein Hauch Nostalgie darf dabei ebenfalls nicht fehlen, wenn es um Mode, Sprache, Musik, Autos, Einrichtungsgegenst\u00e4nde und Haushaltsger\u00e4te der Siebziger geht, die in allen gezeigten Filmen zur gro\u00dfen Freude des Publikums zu entdecken waren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Einige der Filme sind bereits in den letzten Jahren als Kultfilme wiederentdeckt, aufw\u00e4ndig restauriert und in umfangreich kuratierten Editionen f\u00fcrs Heimkino auf Blu-ray oder gar UHD wieder ver\u00f6ffentlicht worden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Dazu geh\u00f6ren Roland Klicks Quasi-Italowestern-Action-Hybrid \u201eDeadlock\u201c (1970) mit Mario Adorf und Anthony Dawson, Rolf Olsens ultra-gewaltt\u00e4tiger Kriminalfilm \u201eBlutiger Freitag\u201c (1972) mit Ankl\u00e4ngen an die RAF-Paranoia und italienische Poliziottesco mit einem komplett in Leder gekleideten Raimund Harmstorf, sowie Roger Fritz Exploitation-Kammerspiel \u201eM\u00e4dchen mit Gewalt\u201c (1972) mit Helga Anders, Klaus L\u00f6witsch und Arthur Brauss. Allesamt Film die aufgrund ihrer teilweise drastischen Darstellungen von Sex und Gewalt ber\u00fchmt und ber\u00fcchtigt waren, und die heute mit Sicherheit als transgressives Kino bejubelt w\u00fcrden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Dazu kommt eine ganze Reihe etwas weniger spektakul\u00e4r auf die Spitze getriebener Filme, die deswegen aber nicht unbedingt stiller oder weniger grell daherkommen. Beispielsweise Hans W. Gei\u00dfend\u00f6rfers Vampir-Meditation \u201eJonathan\u201c (1970), die zu trippiger Krautrockmusik ein apokalyptische Mittelalterszenario entwirft, das in seiner depressiven Tristesse an die apokalyptischen Bilderwelten eines Hieronymus Bosch erinnert. Oder Wolfgang Petersens Kinodeb\u00fct \u201eEiner von uns beiden\u201c (1974), in dem er seinen sp\u00e4teren Star aus \u201eDas Boot\u201c J\u00fcrgen Prochnow und \u201eseinen\u201c Tatort-Kommissar Klaus Schwarzkopf in ein m\u00f6rderisches Duell aus Erpressung, Niedertracht und Bedrohung schickt, das in seiner realistischen Beklemmung nahezu einzigartig f\u00fcr das deutsche Kino ist.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Rudolf-Thome-QA-Kinemathek-E-Werk-170225.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3357\" src=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Rudolf-Thome-QA-Kinemathek-E-Werk-170225-300x226.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Rudolf-Thome-QA-Kinemathek-E-Werk-170225-300x226.jpg 300w, https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Rudolf-Thome-QA-Kinemathek-E-Werk-170225-768x578.jpg 768w, https:\/\/soundundvision.org\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Rudolf-Thome-QA-Kinemathek-E-Werk-170225.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>(Publikumsgespr\u00e4ch mit Rudolf Thome)<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Der M\u00fcnchener Regisseur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Thome\">Rudolf Thome<\/a> war tats\u00e4chlich der einzige noch lebende Filmemacher der Retrospektive, der in Berlin zu Gast war. Er pr\u00e4sentierte seinen Neo-Film Noir \u201eFremde Stadt\u201c (1972), in dem der oben schon genannte Fotograf und Filmemacher Roger Fritz die Hauptrolle spielt, und der mit seinen unterk\u00fchlten schwarz-wei\u00dfen Bildern um eine Handvoll Gangster und korrupte Polizisten thematisch eher an des franz\u00f6sische Gangsterkino dieser Zeit, als an damals g\u00e4ngige westdeutsche Produktionen anschlie\u00dft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Apropos Westdeutschland: neben den elf Produktionen aus der Bundesrepublik waren auch vier Filme der DEFA im Programm zu sehen. Bedingt durch die staatliche Kontrolle der Filmwirtschaft zu DDR-Zeiten und der strengen Zensur gab es hier deutlich weniger Filme, die aus der sozialistischen Reihe tanzten. Dazu geh\u00f6ren die charmant-schr\u00e4gen Filmmusicals \u201eNicht schummeln Liebling\u201c (1973) von Joachim Hasler mit Schlagerstar Frank Sch\u00f6bel, und \u201eHut ab, wenn du k\u00fc\u00dft\u201c (1971) von Rolf Losansky mit den sp\u00e4teren Theaterregisseur:innen Angelika Waller und Alexander Lang in den Hauptrollen. Mit der \u00fcberdrehten Werbesatire \u201eNelken in Aspik\u201c (1976) von G\u00fcnter Reisch mit dem sp\u00e4teren Hollywood-Star Armin Mueller-Stahl, sowie der Operette-meets-realsozialistischer-Alltag-Verfilmung von \u201cOrpheus in der Unterwelt\u201c (1973) von Horst Bonnet mit Rolf Hoppe, waren zwei weitere Filme zu entdecken, die so vielleicht nicht unbedingt in den ostdeutschen Kinoalltag geh\u00f6rten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Neben all diesen rabiaten und bunten Kultfilmen aus dem geteilten Deutschland, k\u00fcmmerte sich die Kinemathek auch in diesem Jahr wieder um einige internationale Klassiker in der <a href=\"https:\/\/www.deutsche-kinemathek.de\/de\/besuch\/festivals-symposien\/berlinale-classics-2025\">\u201eBerlinale Classics\u201c<\/a> betitelten Reihe. Dazu geh\u00f6rte die neu restaurierte Fassung von Don Siegels bahnbrechendem Copthriller \u201eDirty Harry\u201c, der Clint Eastwood 1971 endg\u00fcltig zum Superstar machte, Konrad Wolfs letzter Film \u201eSolo Sunny\u201c (1980), der als einer der kommerziell erfolgreichsten Filme der DDR gilt, Alfred Hitchcocks \u201eDer Fall Paradin\u201c (1947) mit Gregory Peck, der erstmals in einer neu rekonstruierten Ursprungsfassung gezeigt wurde, und der Kriegspiloten-Actionfilm \u201eHell\u2019s Angels\u201c (1930) von Howard Hughes und James Whale, der mit den einzigen Farbsequenzen des Stars Jean Harlow gl\u00e4nzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">All diese Klassiker wurden von Berlinale-Publikum dankbar angenommen. So zeigt die Berlinale erneut, dass sie ihrer filmhistorischen Verantwortung als gr\u00f6\u00dftes deutsche Festival gerecht wird, auch wenn die K\u00fcrzungen im Gesamtbudget des Festivals die Retrospektive in den letzten Jahren leider deutlich verkleinert hat. Dabei ist eine R\u00fcckschau wichtig, um es dem Publikum zu erm\u00f6glichen, das aktuelle Festivalprogramm thematisch und stilistisch den Klassikern gegen\u00fcberzustellen, und so neue und vertiefende Sichtweisen auf das Kino zu erlangen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\"><i>(Dieses Interview erschien zuerst als Radiobeitrag in der Sendung \u201eFilmriss \u2013 Das Berlinale-Magazin\u201c, einem gemeinsamen Projekt der norddeutschen B\u00fcrgersender Kiel FM, L\u00fcbeck FM, Westk\u00fcste FM, Tide Hamburg, Radio Leinewelle und Oldenburg Eins.)<\/i><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Deutsche Kinemathek pr\u00e4sentierte in diesem Jahr einen gro\u00dfen Teil der Retrospektive in ihren neuen R\u00e4umlichkeiten in Berliner E-Werk, einem ehemaligen Umspannwerk und sp\u00e4teren Technoclub, [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3353,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[157,222,4],"tags":[80,76,245,145],"class_list":["post-3369","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-berlinale","category-filmtexte","category-interviews","tag-berlin","tag-berlinale","tag-filmfestival","tag-retrospektive"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3369"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3390,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3369\/revisions\/3390"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3353"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/soundundvision.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}