10 Tipps fürs Reeperbahn Festival

Morgen startet in Hamburg das Reeperbahn Festival 2017. Bis Samstag gibt es dann in über 70 Hamburger Clubs und anderen Spielorten vor allem aktuellen Indiepop zwischen Rock, Folk, Noise, elektronischer Musik, Hip-Hop und moderner Klassik zu erleben. Im Mittelpunkt stehen dabei neue oder noch nicht etablierte Bands, aber es sind natürlich auch einige musikalische Schwergewichte im Programm zu finden. Außerdem ist die Reeperbahn dann auch wieder der alljährliche Branchentreffpunkt von Journalisten, Plattenfirmen, Tourneeveranstaltern und Musikpromotern aus dem Independentbereich. Viele der Künstlerinnen und Künstler des Festivals habe ich in den letzten Jahren bei soundundvison schon im Radio vorgestellt und freue mich schon darauf, sie bei meinem dritten Reeperbahn Festival endlich mal live sehen zu können.

1. Brutus

Im Februar ist mit „Burst“ das erste Album des belgischen Trios um Sängerin und Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts erschienen. Ein wilder Stilmix aus Hardcore, Black Metal, Math Rock und Postrock. Angefangen als Refused-Coverband  haben sie früher gerne auch mal „The Shape Of Punk To Come“ komplett nachgespielt. Die Refused-Reunion 2014 war dann auch die Geburtsstunde von Brutus. Sängerin Stefanie und Gitarrist Stijn hatten zuvor gemeinsam in einer Band gespielt (Starfucker) und dann schließlich mit Bassist Peter dieses neue Trio gegründet.

Samstag, 23.09. 22:40h Molotow

2. Egopusher

Das Geigen-Schlagzeug-Duo aus der Schweiz hat Anfang 2016 ein erstes, selbstbetiteltes Mini-Album veröffentlicht. Tobias Preisig (Violine, Bass Synth) und Alessandro Giannelli (Drums, FX) spielen Musik in den Grenzbereichen von Pop, Klassik und experimenteller Musik. Ihre aktuelle Musik hat sich noch mehr in Richtung Synthiepop mit Einflüssen von elektronischer Filmmusik und Synthwave entwickelt. Die neue Platte „Blood Red“ erscheint am 13. Oktober.

Freitag, 22.09. 19:15h Sommersalon

3. EMA

Die amerikanische Sängerin und Songschreiberin Erika Michelle Anderson aus South Dakota ist als EMA eine führenden Frauen der modernen elektronischen Musik. Ihr Sound pendelt irgendwo zwischen Drone-Folk, Noiserock und Elektronik. Nach dem Soundtrack zu „#horror“ (2015) ist sie ins freiwillige Exil nach Portland, Oregon gezogen, um dort ungestört an ihrem fünften und aktuellen Album „Exile In The Outer Ring“ arbeiten zu können. Darauf geht es um das Leben im Herzen Amerikas, um von Aussichtslosigkeit, Drogen und Langeweile geprägte Kids im trostlosen „Heartland“, in dem sie selbst aufgewachsen ist.

Mittwoch, 20.09. 23:00h Moondoo

4. Jane Weaver

Spacerock, Avantgarde Pop und Krautrock aus England. Jane Weaver aus Liverpool begann in den 90er Jahren als Teil der Indieband Kill Laura, die im Umfeld von New Order agierten und spielte später bei der Band Misty Dixon. Seit 2002 veröffentlicht sie Platten unter eigenem Namen. Ihr 2014 erschienenes Album „Silver Globe“ war in England ein Hit bei Fans und Kritikern, sogar Chris Martin von Coldplay hat telefonisch um Erlaubnis gebeten, ein Sample benutzen zu dürfen. Die neue Platte „Modern Kosmology“ ist die Fortsetzung ihres ganz eigenen Kosmos aus Psychedelia, Folk, Krautrock und elektronischer Musik. Gast auf dem Album ist unter anderem Malcolm Mooney von Can.

Samstag, 23.09. 0:00h Häkken

5. Kelly Lee Owens

Kelly Lee Owens aus London hat im März ihr erstes Album herausgebracht. Zuvor hatte sie schon Tracks mit dem Technoproduzenten Daniel Avery produziert („Drone Logic“) und einige EPs veröffentlicht. Gäste auf dem Debüt sind eben jener Avery und Jenny Hval aus Norwegen. Ihre Einflüsse sind unter anderem der amerikanischer Elektronikkomponist Arthur Russell und der deutsche Schriftsteller Goethe, dessen folgendes Zitat in den Linernotes steht: „Was immer du tun kannst, oder träumst es tun zu können, fang damit an! Mut hat Genie, Kraft und Zauber in sich.“ Elektronische Musik, Dreampop, Krautrock, Italodisco und experimentelle Musik.

Sonntag, 24.09. 0:25h Nochtspeicher

6. Let’s Eat Grandma

2016 erschien das erste Album dieser ungewöhnlichen Schülerinnenband der Sängerinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth, die zu diesem Zeitpunkt beide erst 17 Jahre alt waren. Sie machen schon seit dem Kindergarten gemeinsam Musik mit Keyboards, Piano und Saxofon. „I, Gemini“ wurde in Norwich im Osten Englands aufgenommen. Eine düstere, sehr britische Popwelt mit Märchenmotiven, psychedelischen Anleihen und Low-Fi-Dreampop-Elementen. Stellenweise klingen sie wie eine Teenagerversion von Karin Dreijer-Andressons Projekt Fever Ray.

Samstag, 23.09. 22:40h Prinzenbar

7. Mikko Joensuu

Mit „Amen 3“ ist im Juni der Abschluss der Trilogie „Amen 1 – 3“ des finnischen Musikers Mikko Joensuu erschienen. Begonnen hat er 2009 mit seiner ersten Band Joensuu 1685, die er mittlerweile längst aufgelöst hat. 2016 veröffentlichte er den ersten Teil des aktuellen Projekts zwischen Progressive Rock, Ambient, Indie, Postrock und Elektronik. Eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Themen wie Depressionen und Religion, beeinflusst von den oft theatralisch ausgerichteten Produktionen eines Scott Walker oder eines Lee Hazlewood und den Bilderwelten des russischen Filmemachers Andrei Tarkovski („Stalker“, „Solaris“). Teils akustisch, teils rockig, später psychedelisch, mittlerweile auch elektronisch bietet Joensuu hier bis zu zehnminütige Kompositionen irgendwo zwischen Space Rock, Hörspiel und Konzeptalbum.

Donnerstag, 21.09. 21:10h Prinzenbar

8. Omar Souleyman

Omar Souleyman ist der international erfolgreichste Musiker aus Syrien. Im nahen und mittleren Osten ist er schon seit Jahren ein Superstar. Mit seiner Band hat er vor allem auf vielen Hochzeiten, Taufen und Geschäftsparties gespielt und danach den Gastgebern die Musik des Abends als Kassette geschenkt. Diese Tapes wurden dann vervielfältigt und über Kioske und kleine Geschäfte vertrieben. So hat er im Lauf der Jahre über 500 verschiedene Produktionen veröffentlicht

Mittlerweile hat er in der ganzen Welt Konzerte gespielt, war bei der Verleihung des Friedensnobelpreises und auf amerikanischen Festivals zu Gast. Trotz des Kriegs in Syrien hat sich Souleyman immer wieder für Frieden und Nächstenliebe ausgesprochen, er spielt auf syrischen, kurdischen, irakischen Veranstaltungen, genau so wie vor christlichem und muslimischen Publikum. Seine aktuelle Platte „To Syria With Love“ ist im Sommer erschienen.

Samstag, 23.09. 0:40h Übel & Gefährlich

9. One Sentence. Supervisor

Die Schweizer Band One Sentence. Supervisor setzt sich auf ihrem neuen Album „Temporär Musik 1 -13“ mit den Fallstricken des digitalen Alltags auseinander. Auf der zweiten Platte der Band aus Baden geht es unter anderem um dabei künstliche Popularität, gekauften Klicks und virtuelles Ego. Das Quartett hat sich in den letzten Jahren weltweit mit Konzerten und Festivalauftritten einen Namen gemacht. Ihre Musik ist eine Mischung aus Krautpop, Postpunk und Shoegaze. Die Platte ist mittlerweile in der Schweiz und beim europaweiten Impala – Independent Music Companies Association-Award ausgezeichnet worden.

Freitag, 22.09. 17:00h Sommersalon

Samstag, 23.09. 23:15h Angie’s Nightclub

10. Songhoy Blues

„Résistance“ ist das zweite Album der Indierockband Songhoy Blues aus Mali. Ein Teil der Gruppe um Sänger Aliou Touré stammt aus dem Norden Malis und musste diesen 2012 nach der Machtübernahme durch radikale Islamisten verlassen. In Malis Hauptstadt Bamako im Süden des Landes trafen sich die vier Musiker dann und gründeten Songhoy Blues. Sie gehören zur Bevölkerungsgruppe der Songhoy, die hauptsächlich in Westafrika zu Hause sind. Die erste internationale Aufmerksamkeit bekamen sie 2013 durch die Zusammenarbeit mit Damon Albarn von Blur und Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs beim gemeinsamen Projekt „Africa Express“

In ihrer Musik mischen Songhoy Blues afrikanische Popmusik und Wüstenblues im Stil der Tuaregrocker wie Tinariwen und Imarhan mit Elementen aus Indierock, Blues, RnB, Hip-Hop und Soul. Einer der Gastsänger auf dem neuen Album ist Iggy Pop.

Samstag, 23.09. 15:00h Molotow Backyard

Samstag, 23.09. 20:30h MOJO Club

Bonustipp: Ankathie Koi

Wann immer ich mich in den letzten Monaten mit Musik aus Österreich befasst habe, bin ich auf die Sängerin Ankathie Koi gestoßen. Sie ist unter anderem Gastsängerin bei dem großartigen letzten Album des Black Palms Orchestras gewesen und hat danach auch für die österreichischen Synthwave-Spezis Powernerd ihre innere Valerie Dore gechannelt. Nach zwei Platten als Teil des Duos Fijuka ist jetzt mit „I Hate The Way You Chew“ ihre erste Soloplatte erschienen. Expressiver Indiepop zwischen New Wave, Yachtrock und Elektropop der allen gefallen dürfte, die auch etwas für La Roux oder Peaches übrig haben.

Mittwoch, 20.09. 22:20h Indra

Interview mit Lüül

Der Berliner Sänger und Gitarrist Lutz Graf-Ulbrich – besser bekannt als Lüül – ist seit den 90er Jahren sowohl als Solokünstler, als auch als Teil des Kollektivs 17 Hippies bekannt. Mit Musik angefangen hat er aber schon viel früher, nämlich als Teenager Mitte der 60er Jahre. Als Gitarrist bei Agitation Free und Ash Ra Tempel (später Ashra) und später als Livegitarrist für die Sängerin Nico, reiste er in den 70er Jahren für Plattenaufnahmen und Konzerte um die ganze Welt.

Über die Zeit mit Nico, die 1988 auf Ibiza gestorbenen ist, hat er jetzt ein Buch mit sehr persönlichen Geschichten und seltenen Fotos herausgebracht. Es heisst „Nico – Im Schatten der Mondgöttin“ und Lüül war damit Anfang September auf Multimedia-Lesereise. Dabei hat er es unter anderem auch in Bremen und Oldenburg vorgestellt. Neben gelesenen Kapiteln gab es bei diesen Auftritten auch Musik von Lüül und Videoeinspielungen mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen eines Nico-Konzerts aus dem Jahr 1974 in Berlin, bei dem sie von Brian Eno und John Cale begleitet wurde.

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Einen Tag vor der Lesung im Café am Damm in Oldenburg habe ich Lüül zum Interview getroffen. Im ersten Teil geht es zunächst um seine Zeit bei Agitation Free und die Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Manuel Göttsching in dessen Band Ash Ra Tempel.

Der Film „Le Berceau de Cristal“ war bereits die vierte Zusammenarbeit zwischen Regisseur Philippe Garrel und Nico. Die Filmmusik basierte zum Teil auf Liveaufnahmen von Manuel Göttsching und Lüül, der Göttsching zu der Zeit bei den Konzerten zu seiner ersten Soloplatte „Inventions For Electric Guitar“ begleitete. Weitere Stücke der Filmmusik haben sie später im Studio produziert.

Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Zusammenarbeit und die späteren Tourneen mit Nico, die Ende der 70er Jahre versuchte in Amerika Fuß zu fassen.

Mit dem ersten eigenen Album „Lüül“ Anfang der 80er begann Lutz Ulbrichs „zweite Karriere“ als Solokünstler. Bei der Platte wurde er auch von alten Weggefährten, wie dem Produzenten und Keyboarder Christopher Franke (Agitation Free, Tangerine Dream) und dem Schlagzeuger Harald Grosskopf (Ashra) unterstützt. Außerdem singt Nico auf diesem Album das Lied „Reich der Träume“.

(Radiointerview mit Lüül Teil 1 – Teil 3, aufgenommen am 02. September 2016 im Hörfunkstudio von Oldenburg Eins)

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(Lesung von „Nico – Im Schatten der Mondgöttin“ am 02. September im Café am Damm in Oldenburg)

Noch kurz vor ihrem Tod 1988 ist Nico im Berliner Planetarium aufgetreten. Dieses Konzert hatte Lüül ebenfalls mitorganisiert. Als „Nico’s Last Concert: Fata Morgana“ ist dieser Auftritt 1994 auch als CD erschienen.

Das Buch „Nico – Im Schatten der Mondgöttin“ von Lüül gibt es gedruckt oder als Download bei Amazon.

In den letzten Wochen sind außerdem einige interessante und zum Interview passende Wiederveröffentlichungen erschienen.

Da wäre zunächst die Box „Agitation Free – Last, Fragments & Live ’74“ zu nennen, die am 28. Oktober bei MiG Music aus Hannover erschienen ist. Neben den letzten drei Platten der Band, in der zu dem Zeitpunkt neben Lüül auch der Keyboarder und spätere Filmmusik-Komponist Michael Hoenig spielte, gibt es auch noch eine DVD mit einem Reunion-Konzert, das 2013 im Berliner Kesselhaus gefilmt wurde.

Alle Platten von Ash Ra Tempel und Ashra sind mittlerweile auf Manuel Göttschings eigenem Label MG.ART wieder veröffentlicht worden. Am 23. September ist dort auch die remasterte Fassung von „Le Berceau de Cristal“ auf CD erschienen, sowie Neuauflagen von Göttschings vielleicht populärsten Soloplatten „Inventions For Electric Guitar“ (1974) und „E2-E4“ (1984). „Inventions“ hat er allein und ausschließlich mit E-Gitarre und Effektgeräten aufgenommen. „E2-E4“ entstand im Dezember 1981 in einer einzigen Solo-Session mit Gitarre und Keyboards in seinem Heimstudio. Ihr Sound gilt als Chill Out- und Trance-Vorläufer und die Platte wurde in ab Mitte der 80er Jahre gern in Diskotheken und Houseclubs aufgelegt.

Die Aufführungsrechte für Philippe Garrels Film „Le Berceau de Cristal“ im deutschsprachigen Raum liegen übrigens bei Manuel Göttsching und seiner Frau der Filmemacherin Ilona Ziok. Wer den Film aufführen möchte, kann sich gern an die beiden wenden.

2015 haben Manuel Göttsching und Lüül die Musik zu „Le Berceau de Cristal“ bei einem Konzert in den Niederlanden erstmals seit Jahrzehnten wieder live gespielt. Für März 2017 sind weitere Konzerte in Berlin und Hongkong geplant. Andere Städte sind ebenfalls im Gespräch.

Interview mit John Eckhardt

John Eckhardt ist ein klassisch ausgebildeter Kontrabassist, der momentan in Hamburg lebt und arbeitet. Neben seinem Engagement in vielen Ensembleprojekten und Kollaborationen zwischen Klassik, Neuer Musik und Jazz, befasst er sich in seinen Solowerken mit Dub, Noise, Ambient und Soundcsapes, aber auch mit Elementen aus Reggae, Electronica, Clubmusik und Krautrock.

Alles weitere zu seiner musikalischen Biografie und zu seinen aktuellen Stücken gibt es hier im zweiteiligen Interview, das ich bei einem Konzert am 3. Juni in der Oldenburger umbaubar mit ihm aufgenommen habe.

(Interview mit John Eckhardt – Teil 1)

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John Eckhardt / Forresta live in der umbaubar Oldenburg am 03. Juni 2016. Ein oh ton-Projekt im Rahmen von „klangpol – Netzwerk Neue Musik Nordwest“ in Zusammenarbeit mit dem Oldenburgischen Staatstheater.

(Interview mit John Eckhardt – Teil 2)

Sein aktuelles Soloalbum unter dem Projektnamen Forresta heißt „Bass, Space & Time“ und erscheint in diesem Monat als farbiges Doppel-Vinyl in moosgrüner Marmorierung, limitiert auf 100 Stück mit individuellem Coverdesign in einer speziellen LP-Box.

Mehr zu John Eckhardt gibt es auf seiner Homepage. Dort sind auch Infos zu seinem sehr empfehlenswerten Basswald-Podcast zu finden, genau so wie der Flickr-Account mit den Fotos zur Auswahl für das individuelle Albumcover.

John Eckhardt / Solo

John Eckhardt am Bass bei Eric Schaefer & The Shredz

7 Tipps fürs Reeperbahnfestival

In diesem Jahr bin ich zum zweiten Mal beim Reeperbahnfestival mit dabei, das am Mittwoch startet. Vier Tage lang dreht sich in den Hamburger Clubs dann alles um Indiepop von Rock und Folk über elektronische Sounds bis hin zu Avantgarde und moderner Klassik. Vielleicht das abwechslungsreichste Musikfestival, das es in Deutschland gibt. Parallel dazu ist die Reeperbahn auch wieder alljährlicher Branchentreffpunkt von Journalisten, Plattenfirmen, Tourneeveranstaltern und Musikpromotern aus dem Independentbereich. Die nachfolgenden Konzerten stehen ganz oben auf meiner persönlichen Liste fürs diesjährige Festival.

1. Acid Arab

Das französische Kollektiv Acid Arab verbindet elektronische Sounds aus Techno und Trip-Hop mit traditioneller Musik aus Nordafrika. Die neue Platte nennen sie einfach und folgerichtig auch nur „Musik aus Frankreich“. Die Mischung aus europäischem Pop und moderner Musik aus Algerien oder Marokko ist in Paris seit rund 30 Jahren ein fester Bestandteil der Club- und Popkultur. Das mit vielen Gastmusikern produzierte neue Album ist eine Offenbarung in Sachen radikaler und zeitgemäßer Popmusik. „Musique de France“ vom Acid Arab erscheint am 17. Oktober auf Crammed Disc.

Donnerstag, 22.09. 20:00h MolotowSkyBar

2. Gold Panda

Der britische Produzent Gold Panda hat mit seinem dritten Album „Good Luck And Do Your Best“ seine vielleicht schönste und vor allem zugänglichste Platte vorgelegt. Breakbeat und Dubstep in seiner leichtesten und fast schon ambienten Variante. Melodiös, tanzbar und immer mit leichtem Hang zum Ohrwurm verbindet er Housebeats und flächige Synthis mit Elementen japanischer Musik. Der Plattentitel ist eine Redensart, die er von einem Japan-Trip mitgebracht hat, genau so wie viele der Samples und Sounds, die darauf zu hören sind. Erschienen ist das Album am 27. Mai bei City Slang.

Donnerstag, 22.09. 23:15h Übel & Gefährlich

3. Warhaus

Als Teil der belgischen Indierockband Balthazar hat Sänger und Gitarrist Maarten Devoldere schon an drei sehr bemerkenswerten Platten mitgewirkt und auch schon in Deutschland umjubelte Konzerte gespielt. Unter dem Namen Warhaus lässt er jetzt seiner schon bei Balthazar durchscheinenden Vorliebe für die großen düsteren Songschreiber der sechziger und siebziger Jahre freien Lauf. Große und kleine Geschichten von Liebe, Glaube und Verrat in der musikalischen Tradition von Lee Hazlewood, Leonard Cohen oder Serge Gainsbourg. Düsterer Chanson-Pop in elegant-zeitlosem musikalischen Design. „We Fucked A Flame Into Being“ von Warhaus ist am 2. September bei PIAS erschienen.

Freitag, 23.09. 19:30h Terrace Hill
Samstag, 24.09. 17:00h Molotow Backyard

4. July Talk

Das kanadische Quintett July Talk ist eine der sympathischsten Indierock-Neuentdeckungen der letzten Jahre. Einzigartig ist hier vor allem das Duett der Stimmen von Sängerin Leah Fay und Sänger Peter Dreimanis. Er abgrundtief und kratzig, sie glockenhell und aggressiv. Damit haben sie vom ersten Ton an einen hohen Wiedererkennungswert und das Duo macht vor allem live auch viel her. Die Musik bleibt so klassisch wie Indierock nur sein kann: treibend, gitarrenlastig und immer etwas freundlich-bedrohlich in der Tradition von Garbage oder auch ihren kanadischen Landsleuten von Metric. Das aktuelle, zweite Album „Touch“ ist am 9. September bei Vertigo / Universal erschienen.

Freitag, 23.09. 22:00h Kukuun
Samstag, 24.09. 0:00h Knust

5. Sven Helbig / Johannes Motschmann

Klassisch ausgebildete Komponisten, die ihrer Liebe zu Techno, Ambient und elektronischer Musik freien Lauf lassen, sind seit einigen Jahren ungemein erfolgreich und beliebt. Nils Frahm oder Federico Albanese sind die vielleicht populärsten Beispiele dieses Crossovers. Das Plattenlabel Neue Meister hat sich ganz diesen jungen „Klassikern“ verschrieben und präsentiert im Rahmen einer Labelnacht mit Sven Helbig aus Dresden und Johannes Motschmann aus Berlin zwei der interessantesten Musiker auf diesem Gebiet. Das Johannes Motschmann Trio hat bereits im Mai mit der Platte „Electric Fields“ eine Brücke von Klavierkompositionen in der Tradition von Erik Satie zu kosmischer Musik à la Tangerine Dream oder Jean-Michel Jarre geschlagen. Sven Helbig erforschte zunächst mit seinen „Pocket Symphonies“ die Möglichkeiten große symphonische Musik in kurze Popmusikeinheiten zu bringen. Mit seinem neuen Album „I Eat The Sun And Drink The Rain“ wendet er sich der Zusammenführung von Chormusik, Ambient und elektronischer Musik zu und schafft so wahrhaft „unerhörte“ Klangwelten (09. September Neue Meister). Außerdem gibt es an dem Abend noch eine Uraufführung des Bach-Projekts von Arash Safian und Sebastian Knauer „ÜberBach“ (erscheint ebenfalls am 09. September auf Neue Meister).

Freitag, 23.09. ab 19:30 resonanzraum

6. Wovenhand

Nach dem Ende von 16 Horsepower hat sich Sänger David Eugene Edwards komplett auf sein „Nebenprojekt“ Wovenhand verlegt. Mittlerweile gibt es diese Band schon seit sechzehn Jahren und damit länger als die Vorgängergruppe des Mannes aus Denver, Colorado. Mit dem neunten Studioalbum „Star Treatment“ überrascht Edwards mit rohem und ungestümen Country-Folkrock, der musikalisch einige seiner ruhigeren und elegischeren Platten der letzten Jahre weit hinter sich lässt. Düsterer Rock zwischen New Wave, Americana und Punk, den in dieser Form wohl nur Wovenhand spielen. Das Motto der Tour ist „Give Up Your Dead!“ und live könnte das tatsächlich eine ziemlich wüste und einschneidende Erfahrung werden. „Star Treatment“ ist am 09. September auf Glitterhouse erschienen.

Samstag, 24.09. 20:40h Gruenspan

7. Rival Consoles

Der britische Produzent und DJ Ryan Lee West veröffentlicht unter dem Namen Rival Consoles seit rund 10 Jahren einzigartige und innovative Musik zwischen Ambient, Techno und Elektropop. Mit seinem im letzten Jahr erschienen Album „Howl“ hat er so etwas wie den Höhepunkt seines bisherigen Schaffens vorgelegt. Jetzt ist mit der Mini-LP „Night Melody“ ein etwas verspielterer und leichterer Nachklapp erschienen. Zeitgemäße instrumentale Popmusik, die sich zum aktiven Zuhören genau so eignet, wie zum entspannten Tanzen. Live mit Sicherheit einer der elektronischen Höhepunkte des diesjährigen Reeperbahnfestivals. „Night Melody“ ist am 05.08. auf Erased Tapes erschienen.

Samstag, 24.09. 23:45h resonanzraum

3 Tipps fürs Reeperbahn Festival

1. Monophona

Ab morgen bin ich das erste Mal beim Hamburger Reeperbahnfestival unterwegs. Und wenn alles klappt, sehe ich dort auch endlich, endlich das Luxemburger Trio Monophona. Ihre aktuelle Platte „Black On Black“ hab ich im Januar schon in der Sendung vorgestellt. Das bei Kapitän Platte erscheinen Album bietet einen erstaunlich eigenwilligen Sound aus Dream Pop, Trip-Hop und Electronica. Immer noch eine meiner Lieblingsplatten 2015.

Freitag, 25.09. 20:00h Kaiserkeller

2. Isolation Berlin

Die EP „Körper“ ist im März bei Staatsakt erschienen und meine deutschsprachige Lieblingsveröffentlichung dieses Jahres. Die Band kann Indiepop, New Wave, Deutschrock und Postpunk auf erfrischend hohem Niveau und wechselt dabei immer wieder zwischen bunt und schwarz-weiß.

Samstag, 26.09. 20:20h St. Pauli Fan Shop
Samstag, 26.09. 23:00h Grüner Jäger

3. Petite Noir

Viele wissen es ja schon, Petite Noir aus Südafrika hat mit „La Vie Est Belle / Life Is Beautiful“ eine der besten Popplatten des Jahres vorgelegt. Yannick Ilunga macht modernsten Afropop fernab jedes Weltmusikklischees. Synthiepop, Postpunk und Disco wie aus einem Guss. Tears For Fears treffen Fela Kuti um gemeinsam einen Song von Bloc Party zu spielen.

Samstag, 26.09. 0:15h Nochtspeicher

Bonustipp: Lonelady
Samstag, 26.09. 20:40h Terrace Hill

 

Interview mit Danny Griffiths (Archive)

Mit „Restriction“ veröffentlichte die britische Band Archive im Januar ihr zehntes Studioalbum. Gegründet wurde die Gruppe 1993 von den beiden Musikern Danny Griffiths und Darius Keeler in London. Mit dem Sänger Craig Walker hatten sie Anfang der 2000er Jahre ihren Durchbruch. Gemeinsam haben sie drei Platten aufgenommen, darunter das Erfolgsalbum „You All Look The Same To Me“ (2002).  Nach Walkers Ausstieg haben Keeler und Griffith die Band ab 2004 als Kollektiv weitergeführt und alle folgenden Alben und Tourneen mit verschiedenen Begleitmusikern realisiert. Dazu gehören die Sängerinnen Holly Martin und Maria Q, sowie die Sänger und Gitarristen Dave Pen und Pollard Berrier, die alle auch auf „Restriction“ zu hören sind.

Im Februar war die Band auf Tour und spielte einige Shows in Deutschland. Statt einer Vorband wurde dabei ihr selbstproduzierter Kurzfilm „Axiom“ vor jedem Konzert gezeigt.

Das Gespräch mit Keyboarder und Bandgründer Danny Griffiths habe ich am 28. Februar 2014 nach dem Konzert im Bremer Schlachthof mit ihm geführt.

(Interview with Danny Griffiths recorded February 28, 2015 in Bremen, Germany)

Zu Beginn ihrer Karriere orientierten sich Archive noch stark am Trip-Hop-Sound von Bands wie Portishead und Massive Attack, was auf der neuen Platte durchaus noch zu hören ist. Im Lauf der Jahre kamen dann vermehrt Progressive-Rock-Einflüsse dazu und auch rein elektronische Kompositionen spielten zunehmend eine Rolle. Der keyboardlastige Sound der Band wurde oft für Fernseh- und Videoproduktionen verwendet und zu der französischen Comicverfilmung „Michel Vaillant“ komponierte die Band den Soundtrack.

In Frankreich hat die Band auch ihre ersten kommerziellen Erfolge gefeiert und eine große Anzahl Fans. Seit 2003 arbeiten sie außerdem regelmäßig mit dem französischen Toningenieur und Produzenten Jérôme Devoise zusammen.

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Archive live im Bremer Schlachthof am 28. Januar 2015.

Die Verbindung zum bewegten Bild zeigte sich besonders Anfang 2014, als die Band zum Vorgängeralbum „Axiom“ einen eigenen 40-minütigen Film produzieren ließ, der auch auf verschiedenen Festivals gezeigt wurde. Regie führte dabei Jesús Hernández vom spanischen Medienkollektiv NYSU.

Die aktuelle Platte enthält jetzt wieder 12 klassische Popstücke, von denen Ende letzten Jahre drei Songs gleichzeitig als Singles inklusive Videos veröffentlicht wurden. Das Albumcover stammt diesmal vom britischen Designer Brian Cannon, der mit seiner Firma Microdot schon viele klassische Albencover für Oasis, The Verve und Suede entworfen hat.

Dieses Jahr spielt die Band noch einige Festivals, bevor es dann im nächsten Jahr einiges zu feiern gibt. 2016 wird für Archive ein Jubiläumsjahr. Das erste Album „Londinium“ ist dann 20 Jahre alt und die fünfte Platte „Lights“ wird dann 10. Gefeiert werden soll das mit einigen besonderen Auftritten und mit neuen Songs. Dazu sollen dann auch die ehemaligen Bandmitglieder und Sänger der Band ins Studio eingeladen werden.

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Blog von Sänger und Gitarrist David Pen

Das Video zur aktuellen Single „End Of Our Days“

Der komplette Film „Axiom“ ist aufgeteilt in sechs Kapitel im Youtubechannel der Band zu finden.