8 Tipps fürs Synästhesie Festival

Wenn zur düsteren Jahreszeit das Synästhesie Festival in Berlin seine Türen wieder öffnet, dann geht es für das Publikum vor allem um eine dunkelbunte Mischung aus psychedelischer Popmusik, Postpunk, Krautrock und Noise. Bei der siebten Ausgabe stehen diesmal bei den Headlinern die neunziger Jahre Pate, deren schwer zu greifenden Nostalgie zwischen Grunge, Trip-Hop, Big Beat, Techno, Shoegaze und Britpop sich momentan in aktueller Musik wiederfinden lässt.

Unter anderem sind die Shoegaze-Pioniere Slowdive, der Trip Hop-Miterfinder Tricky, der einflussreiche Noise/Blues-Gitarrist Jon Spencer (Blues Explosion, Boss Hog, Pussy Galore) und der Produzent Peter Kember alias Sonic Boom (ehemals Spacemen 3) vor Ort. Dazu kommen Stuttgarts Noiserocker Die Nerven, die in den letzten Jahren so gut wie alle deutschen Festivals bis auf das Synästhesie bespielt haben. Mit der Band Gewalt kehrt schließlich das kathartische Noiseprojekt von Patrick Wagner nach Auftritten 2018 und 2020 in den Schoß der Synästhesie-Familie zurück. Wagner hatte ja passenderweise mit seiner ersten Band Surrogat Ende der Neunziger seine ersten Erfolge feiern dürfen.

Apropos feiern. Auch Festivalchef Olli Remzi gönnt sich in diesem Jahr einen Blick zurück, denn seine 8MM Bar, die Keimzelle des Synästhesie-Festivals, feiert zwanzigjähriges Jubiläum. Keine Selbstverständlichkeit in der aktuell von Pandemie und Inflation stark gebeutelten Kulturszene. Im letzten Jahr konnte das Festival noch gerade so unter verstärkten Corona-Beschränkungen starten, während es mit Faust, Beak und A Place To Bury Stranger glänzte. Diesmal ist den beiden Hallen der Berliner Kulturbrauerei alles wieder uneingeschränkt live zu erleben. Neue Spielorte sind in diesem Jahr der benachbarte Frannz-Club und die PANDA platforma im Hof der Kulturbrauerei als Bühne für lokale Acts.

 

Gloria de Oliveira

Die interdisziplinär arbeitende Künstlerin Gloria de Oliveira stammt aus Brasilien, studierte in Hamburg und lebt und arbeitet jetzt in Berlin. Bereits länger erfolgreich ist sie als Regisseurin und Hörspielsprecherin. Ihr schwebender Dream Pop fasziniert mit melancholischen und dunklen elektronischen Soundscapes. Mit dem amerikanischen Komponisten Dean Hurley brachte sie kürzlich ihr erstes Album „Oceans Of Time“ auf dem Label Sacred Bones heraus. Hurley betreibt das Asymetrical Studios in Hollywood, das niemand geringeren als David Lynch gehört. Beteiligt war Hurley zudem an allen Lynch-Platten seit 2007. Keine schlechte Referenz, denn die Musik von Gloria de Oliveira hat eine ähnlich (alb-)traumhafte Note wie dessen Filme.

Kick

Das italienische Duo Kick aus Brescia labelt ihre Musik als Sweet Noise. Und damit liegen Amalia Bernardini und Nicola Mora nicht so falsch, denn ihr Low-Fi Pop glänzt mit bittersüßen Melodien und tragikomischen Geschichten zwischen Liebe und Verzweiflung. Der Postpunk-Noise von Suicide und PIL trifft auf neunziger Indie-Vibes zwischen Hole und Breeders. Das erste Album „Light Figures“ brachten sie Anfang des Jahres heraus. Und für den Track „Setting Tina“ konnten sie gar den ehemaligne Kyuss-Bassisten Scott Reeder als Gast gewinnen. Noisepop, Stonerrock und Trip Hop – eben Sweet Noise.

Roller Derby

Allein der Bandname erinnert schon an die guten alten Discoroller und vertändelte Nachmittage mit Walkman, Limonade und Kaugummi – auch wenn diese vielleicht nur in unserer Fantasie stattgefunden haben; also, vor allem in meiner. Anyway, das 2020 gegründete Hamburger Dream Pop-Trio mit Sängerin Philine Meyer, Gitarrist Manuel Romero Soria and Bassist Max Nielsen trifft zielsicher einen nostalgischen Nerv zwischen New Wave, Postpunk bei Untermischung dezenter Gothic-Anleihen. Ihre Singles werden mittlerweile millionenfach gestreamt und der eingängige und melodische Pop der Gruppe findet bei diversen Radiosendern Zuspruch. Mit dem passenden Titel „Singles Collection“ wurden ihre Songs inzwischen auch als Vinyl veröffentlicht.

Roomer

Die Berliner Band Roomer gehört zu einer ganzen Gruppe von lokalen Bands, denen das Synästhesie-Festival eine erste Bühne für ein größeres Publikum bietet. Das Quartett um die Sängerin und Songschreiberin Ronja Schößler hat im September eine Debut-EP namens „Skize“ auf dem Berliner Label ‚Fun In The Church‘ herausgebracht. Ihr psychedelisch gesprenkelter Low-Fi Pop spielt mit Elementen von Shoegaze und Slowcore. Gitarrist Arne Braun hat in diversen Jazz- und Popprojekten mitgespielt und auch Bassist Luca Push und Keyboarder Lukas Wandinger haben eigene Produktionen zwischen Jazz und Ambient veröffentlicht. Eine waschechte echte Berliner Supergruppe also.

Suns Of Thyme

Viele Stoner Rock-Fans haben sich vermutlich verwundert die Augen gerieben, als diese Ankündigung kam. Suns Of Thyme? Die hatten sich doch längst aufgelöst? Und tatsächlich wird der Auftritt seitens der Gruppe als einmalige Reunion angekündigt. Suns Of Thyme haben zwischen 2011 und 2016 zwei Alben herausgebracht und waren vor allem als Liveband sehr gefragt, unter anderem als Support für TOYS und die Dandy Warhols. Die fünfköpfige Band hat mit Krautgaze einen eigenen Stil zwischen siebziger Retrorock, Shoegaze, Krautrock, Progressive und Grunge entwickelt, der noch heute einzigartig klingt. Jascha Kreft und Tammo Dehn sind seitdem weiterhin mit den nicht minder beliebten Odd Couple erfolgreich unterwegs. In Berlin gibt es jetzt die einmalige Gelegenheit sie mit Suns Of Thyme noch einmal live zu erleben.

Tempers

Von allen hier vorgestellten Gruppen sind Tempers aus New York bestimmt die international erfolgreichste Band. Das Duo um Eddie Cooper und Jasmine Golestaneh hat 2015 sein erstes Album „Services“ herausgebracht. Der leicht unterkühlte Sound zwischen Synthiepop, Coldwave und Postpunk wurde von den beiden über die Jahre immer akribischer justiert und perfektioniert. Im April erschien dann das aktuelle und vierte Album „New Meaning“. Dazu gab es auch erstmals ein Buch mit Grafiken und Texten von Sängerin Jasmine, die so die Arbeit der Gruppe auch in andere Kunstformen transferiert hat. Monotone Drumcomputer treffen auf schillernde Gitarrenflüsse und breit aufgestellte elektronische Soundscapes, überflogen von sehnsuchtsvollem Gesang.

Tess Parks

Die kanadische Sängerin Tess Parks ist wahrlich kein Unbekannte mehr; erst Recht nicht beim Synästhesie Festival. Bereits bei der zweiten Ausgabe 2016 war sie zu Gast. Einige ihrer Platten hat sie in enger Zusammenarbeit mit Anton Newcombe vom Brian Jonestown Massacre aufgenommen. Der Wahlberliner gehört mit seiner Band zum festen Inventar von 8MM Bar und Synästhesie-Festival. Vier Alben zwischen französischem Soundtrack-Chanson-Pop, Sixties Beat und psychedelischen Triplandschaften hat die in London lebende Sängerin bereits veröffentlicht. Ihr aktuelles Album „And Those Who Were Seen Dancing“ erschien im Juni beim britischen Label Fuzz Club Records.

Warm Graves

Ebenfalls auf Fuzz Records Club ist Anfang des Jahres mit „Ease“ das zweite Album des Leipziger Komponisten Jonas Wehner veröffentlicht worden. Acht Jahre nach seinem Debüt als Warm Graves mit „Ships Will Come“ legt er damit eine unwiderstehlich hypnotische Platte zwischen elektronischer Filmmusik, Darkwave, Coldwave und Ambient vor, die das Kunststück vollbringt, zugleich distanziert als auch tröstlich zugleich zu klingen. Das alles kann getrost als retro-futuristisch benannt werden, weil vermeintlich bekannte Grooves und Soundscapes mit neuen musikalischen Ideen zu zeitlos klingenden und zugleich vorwärts gerichteten elektronischen Science-Fiction-Tracks fusioniert werden.