Reflet dans un diamant mort – Berlinale Wettbewerb

(Foto: © Cattet-Forzani)

„Reflektion eines toten Diamanten“ ist der vierte Spielfilm des französischen Ehepaares Hélène Cattet und Bruno Forzani. Sie leben und arbeiten in Brüssel und haben dort seit Ende neunziger Jahre Ende einen eigenwilligen Filmstil sowie eine sehr experimentelle Bildsprache entwickelt.

(Radiobeitrag zu „Reflet dans un diamant mort“)

Ihre Motive sind meist dem europäischen Genrekino der sechziger und siebziger Jahre entlehnt – als Hommage und eben Reflektion von Horrorfilmen, Italowestern und Thrillern, gern auch der günstigeren Sorte, also B-Movies oder Exploitation-Filmen. Ihre ersten beiden Werke „Amer“ und „Der Tod weint rote Tränen“ waren eine Hommage an die farbenfrohen italienischen Thriller, die Gialli, beispielsweise von Mario Bava und Dario Argento, in denen mitunter schwarze Handschuhe und scharfe Skalpelle titelstiftend zum Einsatz kamen. Ihr letzter Film „Leichen unter brennender Sonne“ bediente sich beim Italo-Western und vor allem bei den harten italienischen Polizeithrillern, den Poliziotteschi, die oft mit Darstellern wie Franco Nero, Tomás Milián oder Fabio Testi als toughe Cops mit eigenen Regeln besetzt waren.

(Das Team des Films bei der Pressekonferenz)

Ihr neuer Film „Reflet dans un diamant mort“, der im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war, spürt einem anderen Trend nach: den sogenannten Eurospy-Movies, zumeist französische, italienische oder deutsche Varianten des Spionagefilms, die als Nachahmer der erfolgreichen britischen James Bond-Reihe ab Mitte der sechziger Jahre gedreht wurden. Kommissar X, eigentlich eine Figur aus dem deutschen Heftroman, Bob Fleming und viele andere Agenten aus der zweiten Reihe wurden in mehr oder weniger günstig gedrehten Abenteuern losgeschickt, um die Welt vor bösen Superschurken zu bewahren.

Deren redundante Markenzeichen werden hier von Hélène Cattet und Bruno Forzani hochstilisiert in Szene gesetzt – smarte Spione, geheimnisvolle Masken, verspielte Gadgets und Gimmicks, wie beispielsweise ein Ring, mit dem man durch Wände sehen kann, smarte und kantige Männer, schöne und gefährliche Frauen, schicke Autos, ein Arsenal von Waffen vom Stilett bis zum Maschinengewehr, Sex, Gewalt und Verfolgungsjagden durch sonnige Gefilde Spaniens, Italiens oder Südfrankreichs.

Dort an der Cote d’Azur treffen wir auf den Star des Films, den bereits erwähnten Fabio Testi. Der mittlerweile 83-jährige Italiener hat jahrzehntelange Erfahrung im Genre und war schon in Krimis wie „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ oder Italowestern wie „Verdammt zu leben – verdammt zu sterben“ zu sehen, hat aber auch mit Vittorio de Sica, Claude Chabrol und Andrzej Żuławski eher kunstfertige Werke gedreht.

(Fabio Testi bei der Pressekonferenz im Rahmen der Berlinale)

Hier spielt er einen alt gewordene Spion oder zumindest einen Spionagedarsteller, der von seiner Vergangenheit heimgesucht, und erneut in düstere Verschwörungen und geheimnisvolle Morde verwickelt wird … oder es zumindest glaubt.

Wie Testis Karriere zwischen Bahnhofskinofutter und europäischem Kunstkino hin und her wechselte, so wechselt auch das Kino des Regieduos Hélène Cattet und Bruno Forzani zwischen Videokunst, Experimentalfilm und Genrehommage. Die narrative Struktur zerfällt oft zugunsten von psychedelischen Bilderwelten mit Versatzstücken aus der Filmgeschichte.

Ein wichtiger Anknüpfungspunkt ist dabei die Comicverfilmung „Danger Diabolik“ von Mario Bava nach der italienischen Comicfigur sowie Archetyp der Fumetti Neri, Diabolik, geschaffen von Angela und Luciana Giussani. Teile des Films werden sogar in Comic-Panels im Stil dieser „schwarzen Comics“ inszeniert, die der italienische Zeichner Emanuel Barison beigesteuert hat.

Auch musikalisch schließt der Film an seine Vorbilder an, und setzt auf Musik der großen italienischen Komponisten der späten sechziger Jahre wie Ennio Morricone, Piero Umiliani oder Bruno Nicolai.

Dass ein derart hyperstilisierter Experimentalfilm mit Wurzeln im lange belächelten Genrefilm im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wird, kann getrost als Überraschung verbucht werden. Vielleicht ist das aber auch der neuen Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle zu verdanken, die ja selbst keine Berührungsängste mit dem populären Kino hat, und die James Camerons „Terminator“ als einen ihrer Lieblingsfilme angibt. Hauptdarsteller Fabio Testi hat das auf der Pressekonferenz zum Film sichtlich gefreut, denn nach Cannes und Venedig ist er jetzt im hohen Alter tatsächlich das allererste Mal zu Gast im Wettbewerb der Filmfestspiele Berlin.

(Dieser Beitrag erschien zuerst als Radiobeitrag in der Sendung „Filmriss – Das Berlinale-Magazin“, einem gemeinsamem Projekt der norddeutschen Bürgersender Kiel FM, Lübeck FM, Westküste FM, Tide Hamburg, Radio Leinewelle und Oldenburg Eins.)