The Moment – Panorama

(Foto: © A24)

Der Dokumentarfilm „The Moment“ begleitet die britische Popsängerin Charli XCX durch die Höhen und Tiefen ihres bislang größten kommerziellen Erfolgs. Ihr 2024 erschienenes Album „Brat“, also „ungezogene Göre“, löste mit dem dazugehörigen „Brat Summer“ ein weltweites kulturelles Phänomen aus, das vor allem in den sozialen Netzwerken, und mit Live-Auftritten bei großen Festivals sichtbar wurde.

Im Film folgt ihr eine Kameracrew und zeigt die Künstlerin als bis zur aggressiven Passivität hin erschöpfte Figur, der der kommerzielle Druck seitens der Plattenfirma, eines durchgeknallten Konzertfilmregisseurs, und eines jungen Teams aus nicht immer loyalen Mitarbeiterinnen arg zusetzen. Ein Deal mit einer maroden Bank, die mit einer Brat-Kreditkarte ihr junges, oft queeres Zielpublikum abschöpfen will, geht gründlich in die Hose. Um dem aufkommenden Shitstorm zu entrinnen, lässt sie sich als kommerzielles Popsternchen neu erfinden, um mit einer bunten, familienfreundlichen Stadiontour im Stil von Coldplay oder Taylor Swift noch mal richtig abzuräumen – und verkauft damit den letzten Rest von künstlerischer Integrität.

Das alles ist so natürlich nie passiert. „The Moment“ ist keine Musikdoku im klassischen Sinne, sondern eine von vorne bis hinten erfundene Mockumentary. Eine Art Anti-Erfolgsgeschichte in einem popkulturellem Paralleluniversum. Charli XCX kennt das Spiel mit Kommerz, Internet und Popästhetik wie kaum eine andere Künstlerin unserer Zeit. Spätestens, wenn Filmstars wie Alexander Skarsgard als undurchsichtiger Konzertfilmregisseur, oder Rosanna Arquette als strenge Plattenfirmenchefin auftauchen, wird der subversiv-satirische Charakter dieses Films überdeutlich.

(Presekonferenz zu „The Moment“, Berlin 14.02.2026)

Trotzdem beinhaltet die Geschichte einen wahren Kern, denn die Inspiration zum Film lag unter anderem in einer Art Kontrollverlust, von dem sich die Künstlerin nach dem immensen Erfolg ihres letzten Albums 2024 bedroht sah, als sie vor allem auf Social Media von einer bekannten Songschreiberin und erfolgreichen Künstlerin zu einer Art globaler Ikone wurde, mit einem über Nacht deutlich angewachsen Publikum.

Als Schauspielerin macht Charli XCX keine schlechte Figur. So zeigt sie durchaus komödiantisches Gespür, sowie eine erfrischende Form der Selbstironie. Und wie sie selbst trocken auf der Pressekonferenz zum Film in Berlin anmerkt: schließlich sei sie einfach „die ideale Person, um Rolle von Charli XCX richtig spielen zu können“.

Als Kritik am aktuellen System der Musik- und Unterhaltungsindustrie mit seiner Suche nach Klicks, Streams, Onlinehype und viralen Momenten ist „The Moment“ ein digitales Update klassischer analoger Musikindustrie-Satiren wie „The Rutles – All You Need Is Cash“ (1978) von Eric Idle und Gray Weis, oder „This Is Spinal Tap“ (1984) von Rob Reiner.

Regie bei „The Moment“ führt der schottische Fotograf und Musikvideoregisseur Aidan Zamiri, der hier seinen ersten Langfilm vorlegt. Die Musik stammt vom Produzenten und Komponisten A. G. Cook von PC Music. Beide sind seit vielen Jahren enge Vertraute von Charli XCX, und haben maßgeblich ihr Image und ihre Musik mitentwickelt. Natürlich gab es keine Brat-Kreditkarte, keinen Shitstorm, und keinen kommerziellen Ausverkauf, aber dafür gibt es jetzt mit diese Musik-Satire den vermutlich endgültigen Schlussstrich unter den „Brat Summer“. Die Künstlerin ist schon weitergezogen und veröffentlicht in diesen Tagen ihr neues Album. Es ist der Soundtrack zur Neuverfilmung von „Wuthering Heights“ mit Margot Robbie in der Hauptrolle, für den Charli XCX unter anderem mit dem walisischen Musiker John Cale zusammengearbeitet hat. Damit bleibt sie der mit „The Moment“ neugewonnen Liebe zum Kino noch ein wenig treu, bevor sie im Sommer wieder als Headlinerin die großen Musikfestivals der Welt bespielt.

(Dieser Beitrag erschien zuerst als Radiobeitrag in der Sendung „Filmriss – Das Berlinale-Magazin“, einem gemeinsamen Projekt der norddeutschen Bürgersender Kiel FM, Lübeck FM, Westküste FM, Tide Hamburg, Radio Leinewelle und Oldenburg Eins.)