Lost In The 90s – Berlinale Retrospektive
(Foto: Deutsche Kinemathek, © ECM Records)
Die Retrospektive der diesjährigen Berlinale richtete den Blick auf ein junges Kinojahrzehnt. „Lost In The 90s“ bot einen Querschnitt durch die neunziger Jahre: von Mauerfall und Berlin über Osteuropa bis zum US-Indepentkino. Darüber habe ich mit Annika Haupts der Programmkoordinatorin der Deutschen Kinemathek und Kuratorin der Retrospektive gesprochen.
(Radiointerview mit Annika Haupts vom 15. Februar 2026 – erstmals in der langen Fassung)
Nachdem sich die letzten beiden Retrospektiven „Das Andere Kino“ (2024) und „Wild, schräg, blutig“ (2025) mit dem deutschen Kino der sechziger bis neunziger Jahre befasst hatten, stand jetzt wieder ein international ausgerichtetes Programm auf dem Spielplan. Die titelgebenden Nineties unterscheiden sich dabei deutlich vom Kino der siebziger und achtziger Jahre.
Das ist zum Teil den massiven historischen Verwerfungen, wie dem Zusammenbruch der UdSSR und dem daraus folgenden Fall der Berliner Mauer zu verdanken, aber auch der Demokratisierung der Produktionsmittel, denn kostengünstige Videokameras ermöglichten es unabhängigen Künstlerinnen erstmals Filme jenseits von Super-8 ohne ein großes Budget realisieren zu können.
All das wird im Programm reflektiert. Berlin ist beispielsweise zentraler Drehort von Filmen wie Tom Tykers „Lola rennt“ (1998), Kutlug Atamans „Lola und Bilidikid“ (1999), oder dem für diese Berlinale wiederentdeckten „Sunny Point“ von Wolf Vogel aus dem Jahr 1995.
(Schauspieler und Produktionsleiter Hanns Zischler, Kinemathek-Leiterin Heleen Gerritsen und Schauspielerin Claudia Michelsen präsentieren „Deutschland Neu(n) Null“ von Jean-Luc Godard)
Die Neuvermessung des östlichen Europas und des ehemaligen Warschauer Paktes findet sich in Jean-Luc Godards filmischem Essay „Deutschland Neu(n) Null“ (1991) mit Eddie Constantine als Geheimagent Lemmy Caution in der Auseinanderfallenden DDR genauso wieder, wie in Chantal Akermans Moskau-Reisebericht „D’est“ (1993) oder der deutsch-jugoslawischen Militär-Satire „Gorillas bathe at noon“ (1993) von Dusan Makavejev.
Das unabhängige amerikanische Kino ist mit bekannten Klassikern wie John Singletons „Boys In The Hood“ (1991), Richard Linklaters „Slacker“ (1990) oder Spike Lees „Bamboozled“ (2000) vertreten.
Vollkommen zeitlos sind dagegen die restaurierten Premieren in der ebenfalls von der Kinemathek betreuten Reihe der Berlinale Classics. Von Stummfilmen über Anime bis zu modernen Klassikern gab es eine enorme Bandbreite an aufpolierten Evergreens zu sehen.
(Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung)
Zu den Höhepunkten zählten sicherlich die Aufführung von G.W. Pabst Stummfilm über die Frühzeit der Psychoanalyse „Geheimnisse einer Seele“ (1926) mit avantgardistischer Experimentalmusik, sowie die Aufführung der französischen Fassung von Jacques Feyders Kostümposse „La Kermesse Héroique“ (1935), der auch in einer alternativen deutschen Fassung gedreht wurde, die aber aktuell erst noch restauriert wird.
Weitere Highlights waren Yoshiaki Kawajiris Animeklassiker „Ninja Scroll“ (1993), Mike Figgis preisgekröntes Trinkerdrama „Leaving Las Vegas” (1995) mit Elisabeth Shue und Nicolas Cage, und der estnische Mystery-Klassiker „Hotel Zum verunglückten Alpinisten“ von Grigori Kromanov (1979).
Im Berliner E-Werk, der immer noch neuen Heimat der Kinemathek nach dem Auszug vom Potsdamer Platz, gibt es natürlich auch nach der Berlinale noch reichlich Programm mit Filmvorführungen, Film-Talks, Ausstellungen und Festivals wie dem „Film Restored“ im Herbst dieses Jahres.
Auch virtuell lässt sich einiges entdecken, so stehen auf der Seite der Kinemathek viele Filme aus den neunziger Jahren zum kostenlosen Streaming bereit, beispielsweise Thomas Arslans „Dealer“ (1999) oder Christian Petzolds Kurzfilm „Ostwärts“ (1991).
(Dieser Beitrag erschien zuerst als Radiobeitrag in der Sendung „Filmriss – Das Berlinale-Magazin“, einem gemeinsamen Projekt der norddeutschen Bürgersender Kiel FM, Lübeck FM, Westküste FM, Tide Hamburg, Radio Leinewelle und Oldenburg Eins.)

