Interview mit Adrian Belew

Viele Menschen werden vermutlich eine Aufnahme von Adrian Belew bei sich zu Hause im Plattenschrank haben, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Der Gitarrist und Sänger aus Covington, Kentucky (USA) hat auf einigen der erfolgreichsten Scheiben der letzten 40 Jahre mitgespielt. Dazu gehören „Lodger“ von David Bowie (1979), „Sheik Yerbouti“ von Frank Zappa (1979), „Remain In Light“ von den Talking Heads (1980), „Discipline“ von King Crimson (1981), „Graceland“ von Paul Simon (1986) und „The Downward Spiral“ von Nine Inch Nails (1994).

(Fotos: Adrian Belew Power Trio live in Oldenburg 25. April 2017)

Mit vielen dieser Musiker war er auch als Livegitarrist auf Tour und er ist darüber hinaus noch auf Platten von Jean-Michel Jarre, Laurie Anderson, Mike Oldfield, Herbie Hancock, Joe Cocker, Cindy Lauper und Porcupine Tree zu hören. Außerdem hat er mehr als 20 Alben unter eigenem Namen oder als Teil verschiedener Projekte veröffentlicht.

In Oldenburg war er bereits im Sommer 2014 beim alljährlichen Kultursommer mit dem Crimson ProjeKCt zu Gast, ein Zusammenschluß seines eigenen Power Trios und den Stick Men um den Bassisten Tony Levin. Am 25. April dieses Jahres kehrte er dann mit Bassistin Julie Slick und Schlagzeuger Tobias Ralph als Adrian Belew Power Trio in die Oldenburger Kulturetage zurück. Die Show bestand zu gleichen Teilen aus Belews Solomaterial und King Crimson-Stücken von Platten wie „Beat“ (1982) und „Three Of A Perfect Pair“ (1984), die im Herbst 2016 erst als aufwändig remasterte „40th Anniversary Editions“ neu erschienen sind.

(Interview with Adrian Belew recorded April 25, 2017 in Oldenburg, Germany)

Aktuell hat er neue Stücke als App unter dem Namen „Flux“ veröffentlicht und am 15. September ist das erste Album der Supergroup Gizmodrome erschienen, in der er gemeinsam mit dem italienischen Keyboarder Vittorio Cosma, dem Schlagzeuger Stewart Copeland (The Police) und Bassist Mark King (Level 42) spielt.

Am 19. Januar 2018 wird er dann mit dem „Celebrating David Bowie“-Projekt in „Huxleys Neue Welt“ in Berlin auftreten. Den Abend bestreitet er dort gemeinsam mit weiteren langjährigen Bowie-Musikern wie dem Pianisten Mike Garson, dem Gitarristen Gerry Leonard und dem Bassisten Carmine Rojas.

 

Interview mit Justin Sullivan (New Model Army) II – Winter

Anfang des Jahres war die britische Rockband New Model Army auf Tournee in Deutschland und spielte erneut im Bremer Aladin, wo bereits auch die letzten beiden Konzerte der Band 2009 und 2014 stattfanden. Die aktuelle Platte „Winter“ ist im Herbst 2016 erschienen und gehört ähnlich wie der Vorgänger „Between Dog And Wolf“ zum erfolgreichen Spätwerk der Band, das bei Fans und Kritikern gut ankommt und der Gruppe auch wieder größeren kommerziellen Erfolg beschieden hat.

Das Konzert bestand zu einem großen Teil aus neueren Songs, die mit Klassikern und Fanfavoriten aus über 35 Jahren Bandgeschichte gemischt wurden („Higher Wall“, „51st State“, „I Love The World“). Als Gast war die Leipziger Komponistin und Violinisten Shir-Ran Yinon dabei (Haggard, Krayenzeit), die seit einigen Jahren bei ausgewählten Liveshows der Band die Geigenparts zu Songs wie „Vagabonds“ oder „Winter“ beisteuert.

Das Interview mit Justin Sullivan habe ich am 28. März 2017 nach dem Auftritt der Band im Bremer Aladin mit ihm geführt. Es nimmt ein wenig den Faden nach dem letzten Interview von 2014 wieder auf.

(Interview with Justin Sullivan (New Model Army) recorded March 28, 2017 in Bremen, Germany)

New Model Army spielen im November und Dezember einige ausgesuchte Konzerte im Rahmen ihrer alljährlichen „Winter Gatherings“. Alle Shows in Großbritannien sind bereits ausverkauft und am 16. Dezember spielen sie im Kölner Palladium ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Rahmen. Im Januar folgt eines der selteneren Solokonzerte von Justin Sullivan beim „Acoustic Winter 2018“ in Düsseldorf. Darüber hinaus hat die Band für den 13. und 14. April 2018 einen bisher nicht näher benannten „einzigartigen Event“ angekündigt.

Wer so lange nicht warten will, dem sei der Dokumentarfilm „Between Dog And Wolf – The New Model Army Story“ von Matt Reid empfohlen. Er begleitet Justin Sullivan zu den Orten der Anfangszeit der Band und lässt auch ehemalige Bandmitglieder, Produzenten und Fans der Gruppe zu Wort kommen. Der Film ist am 3. März bei earMUSIC auf Blu-ray und DVD erschienen. Im Bonusmaterial finden sich zusätzliche Interviews und bisher nicht veröffentlichte Liveaufnahmen eines Konzert im Londoner Marquee aus dem Jahr 1985.

Interview mit Margarete Kreuzer

Berlinale 2017 – „Tangerine Dream: Revolution Of Sound“

2015 ist der Berliner Musiker Edgar Froese im Alter von 70 Jahren verstorben. Mit seiner Band Tangerine Dream hatte er seit den frühen siebziger Jahren internationale Erfolge gefeiert und gilt neben Kraftwerk und Jean-Michel Jarre als einer der Vorreiter der modernen elektronischen Musik. Der Dokumentarfilm „Revolution Of Sound: Tangerine Dream“ erzählt jetzt seine Geschichte.

Die Regisseurin und Fernsehjournalistin Margarete Kreuzer konnte dazu auf bisher unveröffentlichte Privataufnahmen von Edgar Froese zurückgreifen und hat mit zahlreichen Wegbegleitern wie Peter Baumann, Volker Schlöndorff oder Michael Mann gesprochen.

(Radiointerview mit Margarete Kreuzer. Aufgenommen am 16. Februar 2017 im Berlinale Palast)

Margarete Kreuzers Dokumentarfilm „Revolution Of Sound: Tangerine Dream“ hatte seine Weltpremiere bei der Berlinale 2017 in der Reihe Panorama Dokumente und soll im Lauf des Jahres in die Kinos kommen. Eine deutlich kürzere Fassung des Film lief 2016 schon beim Fernsehsender ARTE, der auch an der Produktion beteiligt war. Außerdem gab es zur Finanzierung des Films auch eine Crowdfunding-Aktion bei Kickstarter.

Eine kürzere Fassung dieses Interviews lief bereits in der Radiosendung „Filmriss – das Berlinalemagazin“, die jedes Jahr zur Berlinale täglich bei Kiel FM, Lübeck FM, Oldenburg Eins, Tide 96,0 in Hamburg, Stadtradio Göttingen und Westküste FM zu hören ist.

Interview mit Nils Warnecke

Berlinale 2017 – „Things To Come“ – Die Ausstellung zur Retrospektive

Parallel zur diesjährigen Retrospektive der Berlinale mit dem Titel „Future Imperfect“ gibt es auch in diesem Jahr wieder eine Ausstellung im Museum für Film und Fernsehen der Deutschen Kinemathek direkt am Potsdamer Platz. Nils Warnecke von der Kinemathek ist einer der Kuratoren der Ausstellung.

(Radiointerview mit Nils Warnecke. Aufgenommen am 16. Februar 2017 im Museum für Film und Fernsehen Berlin)

Die 27 Filme der Retrospektive gehörten zu den Publikumsmagneten der diesjährigen Berlinale. Düstere Zukunftsvisionen wie die erste Verfilmung von George Orwell „1984“ von Michael Anderson (GB/USA 1956), die selten gezeigte russische Atomkriegs-Apokalypse „Briefe eines Toten“ von Konstantin Lopuschanksi (UdSSR 1986) oder die Wiederaufführung von Wolf Gremms Sci-Fi-Groteske „Kamikaze 1989“ (BRD 1982) mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle sorgten jedes mal für lange Schlangen und volle Kinosäle.

Die Ausstellung „Things To Come“ läuft noch bis zum 23. April. Mehr Infos dazu gibt es im Internet auf der Seite der Deutschen Kinemathek.

Außerdem sind begleitend zur Retrospektive zwei lesenswerte Publikationen erschienen. „Future Imperfect“ bietet ergänzende analytische Essays zu den Themen der gezeigte Science-Fiction-Klassiker und ist bei Bertz + Fischer erschienen (in englischer Sprache). Der umfangreiche Katalog „Things To Come“ beleuchtet die verschiedenen Bereiche der Ausstellung und informiert natürlich über die oft einzigartigen Ausstellungsstücke. Erschienen ist der Katalog beim Bielefelder Kerber Verlag.

Eine kürzere Fassung dieses Interviews lief bereits in der Radiosendung „Filmriss – das Berlinalemagazin“, die jedes Jahr zur Berlinale täglich bei Kiel FM, Lübeck FM, Oldenburg Eins, Tide 96,0 in Hamburg, Stadtradio Göttingen und Westküste FM zu hören ist.

Interview mit Lüül

Der Berliner Sänger und Gitarrist Lutz Graf-Ulbrich – besser bekannt als Lüül – ist seit den 90er Jahren sowohl als Solokünstler, als auch als Teil des Kollektivs 17 Hippies bekannt. Mit Musik angefangen hat er aber schon viel früher, nämlich als Teenager Mitte der 60er Jahre. Als Gitarrist bei Agitation Free und Ash Ra Tempel (später Ashra) und später als Livegitarrist für die Sängerin Nico, reiste er in den 70er Jahren für Plattenaufnahmen und Konzerte um die ganze Welt.

Über die Zeit mit Nico, die 1988 auf Ibiza gestorbenen ist, hat er jetzt ein Buch mit sehr persönlichen Geschichten und seltenen Fotos herausgebracht. Es heisst „Nico – Im Schatten der Mondgöttin“ und Lüül war damit Anfang September auf Multimedia-Lesereise. Dabei hat er es unter anderem auch in Bremen und Oldenburg vorgestellt. Neben gelesenen Kapiteln gab es bei diesen Auftritten auch Musik von Lüül und Videoeinspielungen mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen eines Nico-Konzerts aus dem Jahr 1974 in Berlin, bei dem sie von Brian Eno und John Cale begleitet wurde.

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Einen Tag vor der Lesung im Café am Damm in Oldenburg habe ich Lüül zum Interview getroffen. Im ersten Teil geht es zunächst um seine Zeit bei Agitation Free und die Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Manuel Göttsching in dessen Band Ash Ra Tempel.

Der Film „Le Berceau de Cristal“ war bereits die vierte Zusammenarbeit zwischen Regisseur Philippe Garrel und Nico. Die Filmmusik basierte zum Teil auf Liveaufnahmen von Manuel Göttsching und Lüül, der Göttsching zu der Zeit bei den Konzerten zu seiner ersten Soloplatte „Inventions For Electric Guitar“ begleitete. Weitere Stücke der Filmmusik haben sie später im Studio produziert.

Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Zusammenarbeit und die späteren Tourneen mit Nico, die Ende der 70er Jahre versuchte in Amerika Fuß zu fassen.

Mit dem ersten eigenen Album „Lüül“ Anfang der 80er begann Lutz Ulbrichs „zweite Karriere“ als Solokünstler. Bei der Platte wurde er auch von alten Weggefährten, wie dem Produzenten und Keyboarder Christopher Franke (Agitation Free, Tangerine Dream) und dem Schlagzeuger Harald Grosskopf (Ashra) unterstützt. Außerdem singt Nico auf diesem Album das Lied „Reich der Träume“.

(Radiointerview mit Lüül Teil 1 – Teil 3, aufgenommen am 02. September 2016 im Hörfunkstudio von Oldenburg Eins)

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(Lesung von „Nico – Im Schatten der Mondgöttin“ am 02. September im Café am Damm in Oldenburg)

Noch kurz vor ihrem Tod 1988 ist Nico im Berliner Planetarium aufgetreten. Dieses Konzert hatte Lüül ebenfalls mitorganisiert. Als „Nico’s Last Concert: Fata Morgana“ ist dieser Auftritt 1994 auch als CD erschienen.

Das Buch „Nico – Im Schatten der Mondgöttin“ von Lüül gibt es gedruckt oder als Download bei Amazon.

In den letzten Wochen sind außerdem einige interessante und zum Interview passende Wiederveröffentlichungen erschienen.

Da wäre zunächst die Box „Agitation Free – Last, Fragments & Live ’74“ zu nennen, die am 28. Oktober bei MiG Music aus Hannover erschienen ist. Neben den letzten drei Platten der Band, in der zu dem Zeitpunkt neben Lüül auch der Keyboarder und spätere Filmmusik-Komponist Michael Hoenig spielte, gibt es auch noch eine DVD mit einem Reunion-Konzert, das 2013 im Berliner Kesselhaus gefilmt wurde.

Alle Platten von Ash Ra Tempel und Ashra sind mittlerweile auf Manuel Göttschings eigenem Label MG.ART wieder veröffentlicht worden. Am 23. September ist dort auch die remasterte Fassung von „Le Berceau de Cristal“ auf CD erschienen, sowie Neuauflagen von Göttschings vielleicht populärsten Soloplatten „Inventions For Electric Guitar“ (1974) und „E2-E4“ (1984). „Inventions“ hat er allein und ausschließlich mit E-Gitarre und Effektgeräten aufgenommen. „E2-E4“ entstand im Dezember 1981 in einer einzigen Solo-Session mit Gitarre und Keyboards in seinem Heimstudio. Ihr Sound gilt als Chill Out- und Trance-Vorläufer und die Platte wurde in ab Mitte der 80er Jahre gern in Diskotheken und Houseclubs aufgelegt.

Die Aufführungsrechte für Philippe Garrels Film „Le Berceau de Cristal“ im deutschsprachigen Raum liegen übrigens bei Manuel Göttsching und seiner Frau der Filmemacherin Ilona Ziok. Wer den Film aufführen möchte, kann sich gern an die beiden wenden.

2015 haben Manuel Göttsching und Lüül die Musik zu „Le Berceau de Cristal“ bei einem Konzert in den Niederlanden erstmals seit Jahrzehnten wieder live gespielt. Für März 2017 sind weitere Konzerte in Berlin und Hongkong geplant. Andere Städte sind ebenfalls im Gespräch.

Interview mit Joanna Cassidy

Die Rolle der Replikantin Zhora mit ihrer künstlichen Schlange gehört zu der Reihe unvergesslicher Figuren, die die Welt des Blade Runner in Ridley Scotts gleichnamigen Science-Fiction-Klassiker von 1983 bevölkern. US-Schauspielerin Joanna Cassidy steht damit Harrison Ford, Sean Young, Rutger Hauer und Daryl Hannah, die ebenfalls mit diesem Film zu Ikonen des SF-Kinos wurden, in nichts nach. Der Film gehörte zur Tribute-Reihe des 22. Internationalen Filmfests Oldenburg 2015, die ihr gewidmet war.

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Joanna Cassidy bei einer Autogrammstunde beim Filmfest Oldenburg 2015.

Cassidy begann ihre Karriere beim Fernsehen, wo sie in den siebziger Jahren in Erfolgsserien wie „Kobra, übernehmen Sie“, „Starsky und Hutch“ oder „3 Engel für Charlie“ zu sehen war.

Anfang der achtziger Jahre wechselte sie zum Film und drei ihrer Arbeiten aus dieser Zeit waren beim Festival zu sehen.

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Festivalleiter Torsten Neumann und Joanna Cassidy präsentieren „Under Fire“ im Cine k.

Neben dem schon erwähnten „Blade Runner“ wurde noch Roger Spottiswoodes Politthriller „Unter Feuer“ gezeigt, in dem sie 1983 an der Seite von Gene Hackmann und Nick Nolte zu sehen war. Als dritter Film der Ehrenreihe gab es dann noch die Trickfilm/Realfilm-Komödie „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ von Robert Zemeckis mit Bob Hoskins an ihrer Seite.

(Interview with Joanna Cassidy recorded September 19, 2015 in Oldenburg, Germany)

Neben dem Tribute wurde auch ihr neuster Film im regulären Festivalprogramm gezeigt. Der Thriller „Too Late“ mit John Hawkes in der Hauptrolle wurde von Regisseur Dennis Hauck auf 35mm-Filmmaterial gedreht. Er besteht aus 5 Sequenzen in der Länge einer Filmrolle (um 20 Minuten), die alle in einer durchgehenden Einstellung ohne Schnitt gedreht und nicht-chronologisch montiert worden sind.

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In den neunziger Jahre hat Cassidy in vielen Genrefilmen gespielt. Beispielsweise in Wes Cravens „Vampire in Brooklyn“ mit Eddie Murphy (1995) oder John Carpenters „Ghosts Of Mars“, der 2001 auch hier in Oldenburg beim Festival zu sehen war.

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Joanna Cassidys Stern auf dem Oldenburger „Walk Of Fame“.

In den letzten Jahren hat sie sich aber auch wieder verstärkt dem Fernsehen zugewendet. Für ihre Rolle in der Serie „Six Feet Under“ wurde sie für den Emmy und den Screen Actors Guild Award nominiert. Zuletzt war sie unter anderem in „Bones – Die Knochenjägerin“, „Desperate Housewives“ und „Body Of Proof“ zu sehen.

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Joanna Cassidy am 19. September 2015 im Altera Hotel, Oldenburg.

Interview mit Robin Proper-Sheppard (Sophia)

As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ ist das sechste Studioalbum der Band Sophia, die vor zwanzig Jahren vom amerikanischen Gitarristen und Sänger Robin Proper-Sheppard gegründet worden ist. Sophia ist das Nachfolgeprojekt seiner ersten Band The God Machine, die Mitte der 90er Jahre nach dem Krebstod des Bassisten Jimmy Fernandez auseinandergebrochen war.

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Verlust, Trauer und Abschied sind oft die zentralen Themen der Songs von Proper-Sheppard, der mit Sophia 2004 auch schon beim Oldenburger Kultursommer zu Gast war. Musikalisch wechselt die Band zwischen düsteren Balladen, wütenden Rocksongs und elegischem Indiepop, oft ergänzt durch klassische Instrumente wie Cello und Streicher.

Die letzten sechs Jahre hatte sich der Proper-Sheppard weitgehend zurückgezogen und nur eine handvoll Auftritte absolviert. Die Ankündigung einer neuen Platte und einer neuen Tour kam nur wenige Wochen vor der Veröffentlichung der Platte und war eine echte Überraschung für die Fans.

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Kurz vor dem ausverkauften Konzert im Hamburger „Nochtspeicher“ am 25. April hatte ich die Gelegenheit mich mit Robin Proper-Sheppard über das neue Album zu unterhalten.

(Interview with Robin Proper-Sheppard recorded April 25, 2016 in Hamburg)

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Die im Interview genannten Mogwai und Malcolm Middleton haben mittlerweile ja ihre neuen Platten veröffentlicht. „Atomic“ von Mogwai (auf der Proper-Sheppard bei einem Stück Gitarre spielt) erschien Anfang April und „SummerOf 13“ von Malcolm Middleton (Ex-Arab Strap) Ende Mai.

Dem melancholisch-wütendem Sound bleibt der zeitweise in Brüssel lebende Robin Proper-Sheppard auch auf seinem sechsten Sophia-Album treu. Die von ihm im Alleingang nur mit Unterstützung von Drummer Jeff Townsin produzierten neuen Songs wirken dabei insgesamt etwas kompakter und mehr aus einem Guss als frühere Alben. Im Kern gibt es aber auf „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ erneut die für Sophia typische Mischung aus Orchesterpop, Akustiksongs und düster-schwelgerischem Indierock.

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In Brüssel hat Proper-Sheppard in den letzten Jahren immer wieder mit Nachwuchsmusikern zusammenarbeitet. So produzierte er unter anderem das Debütalbum der belgischen Band Horses „Clear Crystal Air“. Deren Gitarrist und Sänger Bert Vliegen und Keyboarder und Gitarrist Jesse Maes bilden den Kern der aktuellen Livebesetzung von Sophia. Dazu kommen noch der ebenfalls aus Belgien stammende Bassist Sander Verstraete, sowie Schlagzeuger Jeff Townsin, der seit fast zwanzig Jahren das einzige feste Bandmitglied neben Proper-Sheppard ist.

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Die im Interview als „Sophia 2.0“ bezeichnete Besetzung spielte in Hamburg zunächst das neue Album komplett und in chronologischer Reihenfolge, um dann im zweiten Teil ausgesuchte Sophia-Songs aus 20 Jahren Bandgeschichte zu präsentieren (siehe die Setlist weiter unten). Im August spielen Sophia beim belgischen Pukkelpop Festival. Im Herbst sollen dann weitere Konzerte folgen.

Homepage von Sophia

Facebookseite der Band

Setlist – Hamburg, Nochtspeicher, 25.04.2016

Resisting
The Drifter
Don’t Ask
Blame
California
St. Tropez / The Hustle
You Said It’s Alright
Baby Hold On
It’s Easy To Be Lonely
Bad Man
So Slow
If Only
Oh My Love
The Desert Song
Darkness
The River Song
——
Birds
I Left You

 

 

 

 

 

Interview mit Volker Schlöndorff

Rund 40 Jahre war die Fernsehverfilmung „Baal“ von Volker Schlöndorff unter Verschluss. Erst bei der Berlinale 2014 wurde der Film nach Beilegung eines Rechtsstreits wieder gezeigt. Nach einer ersten Veröffentlichung als DVD vor zwei Jahren ist der Film jetzt erstmals auf Blu-ray erschienen. Aus diesem Grund gibt es hier mein Interview mit Volker Schlöndorff vom März 2014 in voller Länge. Ich hatte ihn auf seiner Kinotour zu „Baal“ in Oldenburg getroffen.

(Interview mit Volker Schlöndorff am 27. März 2014 im Casablanca Kino Oldenburg)

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Die frühen Filme von Volker Schlöndorff sind alle von einer schwierigen Veröffentlichungsgeschichte geplagt. „Mord und Totschlag“ mit Anita Pallenberg (1967) gibt es gar nicht auf DVD oder Blu-ray. „Michael Kohlhaas – Der Rebell“ mit David Warner (1969) ist erst 2015, also ein Jahr nach dem Interview,  als DVD bei Winkler Film in Österreich herausgekommen.

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(Volker Schlöndorff / Weltkino Filmverleih)

Schlöndorff zeigt den Baal als eine Art Rockstar mit schwarzer Lederjacke und Kippe im Mundwinkel. Seine Figur führt ein rücksichtsloses und hedonistisches Dasein zwischen Kneipen, Künstlerateliers, Autobahnraststätten und Stripclubs. Für das Fernsehpublikums der frühen siebziger Jahre war das zu viel und auch Brecht-Verehrer nahmen es Schlöndorff übel die Figur wahlweise als „Gammler“, Hippie oder Tagedieb inszeniert zu haben.

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Die schwerwiegendste Ablehnung kam jedoch nicht von den westdeutschen Zuschauerinnen und Zuschauern, sondern aus Ost-Berlin von Brechts Witwe Helene Weigel. Sie soll bei der TV-Ausstrahlung den Raum bereits nach 20 Minuten verlassen haben und hat danach die Lizenz für weitere Aufführungen verweigert. Erst die Erben von Bertolt Brecht und Rainer Werner Fassbinder haben sich dann 50 Jahre später wieder zusammengesetzt und entschieden, dass der Film vor allem deshalb wieder freigegeben wird, weil er die erste und einzige Hauptrolle des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder als Schauspieler für einen andern Regisseur ist.

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(Volker Schlöndorff / Weltkino Filmverleih)

Fassbinder selbst singt auch die im Film verwendeten Lieder des Theaterstücks. Die Musik dazu stammt vom Münchener Jazzmusiker und Filmmusikkomponist Klaus Doldinger. Gedreht wurde auf 16 mm größtenteils mit Handkamera, die der langjährige Fassbinder-Kameramann Dietrich Lohmann führte. Die Besetzung liest sich wie ein Who Is Who des deutschen Films der frühen Siebziger: Margarethe von Trotta, Hanna Schygulla, Irm Hermann, Walter Sedlmayer, Günther Kaufmann und Hark Bohm.

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Volker Schlöndorff gehörte in den 1960er und 1970er zu den international bekanntesten Regisseuren des so genannten „Neuen Deutschen Films“. Gemeinsam mit Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Werner Herzog und anderen jungen Filmemachern drehten sie ihre Werke fernab vom damals üblichen Heimatfilm und Unterhaltungskino und fanden so auch in Frankreich, England und den USA Zuspruch und Begeisterung.

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(Volker Schlöndorff / Weltkino Filmverleih)

Das Theaterstück „Baal“ (1918) ist eines der frühesten Werke des Dramatikers Bertolt Brecht. 1982 verfilmte Alan Clarke das Stück für die britische BBC mit David Bowie in der Titelrolle. 2004 gab es eine weitere deutsche TV-Fassung von Uwe Janson für das ZDF, in der Matthias Schweighöfer den Baal als selbstzerstörerischen Indierocker spielt.

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Am 27. März 2014 war Volker Schlöndorff gemeinsam mit seinem langjährigem Produzenten Eberhard Junkersdorff in Oldenburg zu Gast  (rechts im Bild: Dr. Detlef Roßmann vom Casablanca Kino Oldenburg).

Teile des Interviews sind 2014 in einen Fernsehbeitrag eingeflossen und nur die Audiofassung des Gesprächs hatte ich noch komplett vorliegen. Kamera und Ton beim Interview hat damals Martin Fitzke für Oldenburg Eins gemacht. Vielen Dank.

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(Weltkino Filmverleih)

Die restaurierte Fassung von Baal ist am 29.04. von Weltkino erstmals auf Blu-ray veröffentlicht worden. Eine neue DVD ist ebenfalls erschienen.

Baal – Der Film von Volker Schlöndorff bei Facebook

Erik Kriek – In The Pines – 5 Murder Ballads

Zum Begriff „Murder Ballads“ dürfte vielen Musikfans zunächst einmal das gleichnamige Album von Nick Cave & The Bad Seeds aus dem Jahr 1996 einfallen. Die Tradition der britischen Mordballaden oder Moritaten, wie sie in Deutschland genannt wurden, reicht aber mindestens bis in 17. Jahrhundert zurück. Aus Europa kam die Idee wahre Verbrechen in Lieder zu verpacken dann nach Amerika und wurde dort über Songs aus Bluegrass, Country, Blues und Folk weiterverbreitet. Diese klassischen, düsteren Geschichten um Mord und Sühne waren auch die Inspiration für den neuen Comic des holländischen Autors und Zeichners Erik Kriek.

(Erik Kriek bei der Leipziger Buchmesse am 19.03. 2016)

Kriek ist nicht nur Autor und Zeichner, sondern auch Designer und hat viele Ausstellungsposter, Plattencover, Buchillustrationen und Filmplakate gezeichnet. 1966 in Amsterdam geboren, studierte er Design und Illustration an der Rietveld Academy for Art and Design und wurde in der Comicszene bekannt mit dem Silent Comic Gutsman, einer Superheldenserie ohne Sprechblasen und Texte.

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(Erik Kriek / avant-verlag)

In Deutschland erschien 2013 eine Adaption von Geschichten von H.P. Lovecraft unter dem Titel „Vom Jenseits“. Für die Mordballaden hat sich der Musikfan Kriek mit der holländischen Country- und Bluegrassband The Bluegrass Boogiemann zusammengetan.

(Erik Kriek bei der Leipziger Buchmesse am 19.03. 2016)

Mordballaden gibt es in den verschiedensten Varianten und sie wurden von so unterschiedlichen Künstler_innen und Bands wie Johnny Cash, Steve Earle, Bob Dylan, Joan Baez, den Byrds oder Tom Waits gesungen. Selbst bei Mike Oldfield („Moonlight Shadow“) oder Eminem („Stan“) finden sich Moritaten im Programm. Die berühmteste deutsche Moritat, „Mackie Messer“ aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“, interpretierte beispielsweise in den USA Louis Armstrong als „Mack The Knife“

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(Erik Kriek / avant-verlag)

Dem Band „In The Pines“ liegt eine CD mit sechs Murder Ballads bei. Sowohl der Titelsong, als auch die Lieder der fünf Stories im Buch sind darauf zu hören. Neben Songklassikern und Traditionals wie „Long Black Veil“ und „Pretty Polly“ stehen moderne Liedern wie „Where The Wild Roses Grow“ von Nick Cave & Kylie Minogue und „Taneytown“ von Steve Earle.

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Selbstportät (Erik Kriek / avant-verlag)

Gezeichnet sind die „Murder Ballads“  in schwarz-weiß, mit individueller Einfärbung für jeden einzelnen Song. Ein Verfahren ähnlich der Viragierung im Stummfilm, das im Comic als Duoton oder Schmuckfarbe bezeichnete wir (hab ich mir jedenfalls sagen lassen). Einige Sequenzen kommen mit wenig oder ganz ohne Text aus und leben allein von den ausdrucksstarken Bildern und ihrer Anordnung. Seine Herkunft als Designer wird hier von Kriek für die Geschichten vorteilhaft umgesetzt.

Dazu kommt dann noch ein Essay des niederländischen Musikjournalisten und Radiomachers Jan Donkers, der die Geschichten hinter den Songs erläutertet und musikhistorisch einsortiert.

Der Band „In The Pines“ von Erik Kriek mit einer CD der Bluegrass Boogiemen ist am 07. März im Berliner avant-verlag erschienen. Vielen Dank an Filip Kolek vom avant-Verlag, der die Antworten von Erik Kriek für diesen Beitrag bei der Leipziger Buchmesse aufgezeichnet hat.

Homepage avant-verlag
Homepage Erik Kriek
Homepage The Bluegrass Boogieman

 

 

 

Interview mit Harald Grosskopf II – Naherholung

Mitten in einer Berglandschaft steht ein Heimcomputer aus der Frühzeit der PCs. Auf seinem Bildschirm spiegelt sich das Panorama der ihn umgebenden Natur als virtuelle Realität. Den auf dem Plattencover zu seiner neuen Platte „Naherholung“ abgebildeten IBM PC XT-AT hat der Schlagzeuger und Keyboarder Harald Grosskopf nach eigenen Angaben noch im Keller stehen.

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Die mit der Wahl des Covers assoziierte bildliche und musikalische Verbindung von Technik und Natur, von Computer und Romantik ist ein klassisches Motiv der „Kosmischen Musik“ und damit der deutschen Musikgeschichte der 70er Jahre. Es findet sich in ähnlicher Form auch bei Bands wie Cluster, Harmonia oder Kraftwerk wieder. Das passt natürlich auch deshalb gut ins Bild, weil Grosskopf als Schlagzeuger von Wallenstein, Ash Ra Tempel und Klaus Schulze den elektronisch geprägten Krautrock dieser Zeit maßgeblich mitgeprägt hat.

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Philippe Mora, Festivalchef Torsten Neumann und Harald Grosskopf nach der Premiere von „Three Days in Auschwitz“.

2014 habe ich ihn zum ersten Mal beim 21. Internationalen Filmfest Oldenburg getroffen und ein karriereumspannendes Interview mit ihm geführt. Anlass für seine Einladung zu diesem Filmfestival war die gemeinsame Arbeit mit dem australischen Regisseur Philippe Mora an dem Film „German Sons“, für den er den Soundtrack komponierte und auch vor und hinter der Kamera stand. Auch an Moras Nachfolgefilm „Three Days in Auschwitz“ hat er als Kameramann mitgearbeitet und war deshalb im September 2015 zur Deutschlandpremiere des Films erneut in Oldenburg. Einen Tag nach dem Abschluss des Filmfests 2015 habe ich mich mit ihm im Studio von Oldenburg Eins getroffen, um über die Produktion und den Sound seiner neuen Platte zu sprechen.

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Harald Grosskopf im Hörfunkstudio von Oldenburg Eins am 21. September 2015.

Mittlerweile ist „Naherholung“ bei Little MarVin Records erschienen und digital erhältlich. Musikalisch knüpft Harald Grosskopf hier an seine ersten beiden Soloplatten als Keyboarder an, nämlich „Synthesist“ (1980) und „Oceanheart“ (1986), die beide 2014 bei Bureau B wiederveröffentlicht worden sind. Die Platte ist am 15. Februar erst mal digital erschienen, aber Vinyl und/oder CDs sollen noch im Lauf des Jahres folgen.

„Naherholung“ bei iTunes

Homepage von Harald Grosskopf

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Harald Grosskopf und Philippe Mora bei der deutschen Premiere von „Three Days In Auschwitz“ am 20. September 2015 im Cine K der Kulturetage beim Internationalen Filmfest Oldenburg.